ARFID (avoidant/ restrictive food intake discorder)

ARFID lässt sich ins deutsche bestenfalls mit: vermeidend restriktiver Nahrungsaufnahme-Störung (VRNS) übersetzen, wobei sich eine deutsche Bezeichnung bisher nicht durchgesetzt hat. Dabei geht es primär um das Phänomen, dass Betroffene bestimmte Lebensmittel oder Arten von Lebensmitteln meiden oder deren Verzehr signifikant (bedeutsam) eingeschränkt haben (oder beides bezogen auf verschiedene Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen).

Auch wenn es häufig nicht die Ausmaße einer Anorexia nervosa annimmt, ist dieser Sub-Typus ernst zu nehmen, da je nach Qualität der Einschränkungen (bzw. der selbst auferlegten Verbote) oft Mangelerscheinungen auftreten können, die dann die Entwicklung einer Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder Binge-Eating-Störung begünstigen können!

Aus welchen Gründen schränken Menschen ihre Ernährung ein?

Hypersensibilität

Manche Menschen reagieren sehr empfindlich auf den Geschmack, die Textur, den Geruch oder das Aussehen bestimmter Arten von Lebensmitteln. Andere haben über die Jahre oder schon von früher Kindheit an die Überzeugung, ihr Essen nur in einer bestimmten Temperatur essen zu können (oder nur warm/kalt). Diese sensorisch bedingte Selektion kann dann über die Zeit zur Entwicklung sehr rigider Regelwerke bezogen auf das Einschränken bestimmter Lebensmittel(gruppen oder -bestandteile) führen, sodass sich die Betroffenen sehr restriktiv (bzw. eingeschränkt; = restrictive im englischen) ernähren. In dem Zusammenhang vermeiden (=to avoid im englischen) Betroffene auch den Verzehr ganzer Lebensmittelgruppen.

Traumatisierung

Manche Menschen – insbesondere diejenigen, die sehr zu bildhafter kognitiver Verarbeitung neigen – erleben und speichern belastende Erfahrung mit Nahrung sehr präsent ab.

Negativ assoziiertes Erleben wie (beinahe) Ersticken, Erbrechen, erhebliche Bauchschmerzen oder Verdauungsprobleme wird dann nachhaltig mit der Nahrung selbst in Verbindung gebracht (in der Fachsprache: attribuiert). Hierbei ist folgendes Phänomen sehr entscheidend: Betroffene verknüpfen die als hochgradig unangenehm bewerteten Gefühle, die in Verbindung mit den negativen Erlebnissen stehen, mit den Nahrungsmitteln, die dabei eine Rolle spielen. Demnach werden die Gefühle, die eigentlich in Zusammenhang mit dem Erlebten stehen, stattdessen auf die beteiligten Lebensmittel übertragen. So werden dann Angst, Panik, Ohnmachts- oder Hilflosigkeitserleben automatisiert abgerufen, wenn Betroffene in Kontakt mit den negativ assoziierten Lebensmitteln geraten. Dabei macht es irgendwann keinen Unterschied mehr, ob der Kontakt real (in expo) oder gedanklich passiert (in vivo). Häufig lässt sich das zum Beispiel bei der Chemo Therapie beobachten, wo die – eigentlich durch die Medikamente ausgelöste Übelkeit – mit dem Essen assoziiert wird und betroffene dann in einen schleichenden Hungerzustand geraten (nicht zu verwechseln mit Anorexia nervosa).

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass diese Verknüpfungen hoch emotional besetzt sind und Betroffene die als gefährlich markierten und Angst-einflößenden Lebensmittel großräumig vermeiden. Gleichzeitig kann es passieren, dass bei Menschen die sehr zu Schwarz-Weiß-Denken neigen (wie es Menschen mit Essstörung allgemein nachgesagt wird), den schlechten bzw. unsicheren Lebensmitteln unbedingt gute bzw. sichere Lebensmittel gegenüberstellen wollen, was dann die Einengung auf wenige Lebensmittel(gruppen) noch ungünstig verstärken kann. Dies kann nach außen hin dann zwanghaft wirken, muss aber nicht automatisch das Bild einer Zwangsstörung erfüllen.

Appetitlosigkeit und Interessensverlust

In einigen Fällen fällt es manchen Menschen – zumindest in bestimmten Phasen ihres Lebens – möglicherweise schwer zu erkennen, dass sie hungrig sind. Für sie erscheint das Essen dann wie eine lästige Pflicht und nicht wie etwas Notwendiges bzw. Angenehmes. Dies kann dazu führen, dass sie Schwierigkeiten haben genug zu essen, zum Beispiel weil sie es vergessen oder (vermeintlich) wichtigere Dinge im Leben in den Vordergrund stellen. Die Einschränkung der Ernährung erklärt sich dann aufgrund des geringen Interesses am Essen.

Typischerweise passiert dies in komplizierten Lebenssituationen, wie zum Beispiel bei pflegenden Angehörigen oder in Phasen von Liebeskummer oder nach traumatisch verarbeiteten Erlebnissen.

Insgesamt ist es wichtig, sich klarzumachen, dass jeder Betroffene einen oder mehrere dieser Gründe für die Vermeidung oder Einschränkung von Nahrung und Essen zu jeder Zeit haben kann; diese beispielhaften Nennungen schließen sich also nicht gegenseitig aus. Dies bedeutet vor allem, dass ARFID bei einer Person ganz anders aussehen kann als bei einer anderen und demnach ist es auch schwer, diese Störung von außen zweifelsfrei zu identifizieren. Dennoch haben alle Betroffene eines gemeinsam: sie alle schränken sich nach subjektiv sehr unterschiedlichen Regeln in Bezug auf die Gesamtmenge und/oder die Auswahl der gegessenen Lebensmittel gravierend ein.


Weitere wichtige Aspekte von ARFID sind, dass es sich – je nach Ausmaß – negativ auf die körperliche Gesundheit der Person sowie auf ihr psychisches Wohlbefinden auswirken kann. Hier gibt es diverse Überschneidungen zu den anderen Störungsbildern, insbesondere zu den Aspekten der Mangelernährung bei Anorexia nervosa! Wenn eine Person nicht genug Energie (Kalorien) zu sich nimmt, wird sie wahrscheinlich im Verlauf immer weiter abnehmen. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, kann eine Mangelernährung zu beträchtlichen Störungen des Wachstums und der Entwicklung führen. Zusätzlich kann das Vermeiden bestimmter Lebensmittelgruppen (v.a. wenn es um übergeordnete Gruppen wie zum Beispiel Fette oder Kohlenhydrate allgemein geht) zu kurzfristigen und akuten kritischen Zuständen führen, insbesondere wenn essentielle Nährstoffe fehlen (Vitamine und andere Mikronährstoffe). In einzelnen Fällen geht ARFID fließend in andere – bekanntere – Störungsbilder über (am ehesten in Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa) mit entsprechenden Konsequenzen für die körperliche und geistige Gesundheit. Typischerweise steht dann das Ausgleichen des Gewichtsverlust und der Defizite ganz im Vordergrund.


Die Einschränkungen und Überfokussierung auf Nahrungsmittel im Allgemeinen führt (ähnlich wie bei allen Essstörungsbildern) oft dazu, dass Betroffene zunehmend auch Probleme mit ihrem familiären, sozialen, schulischen oder beruflichen Umfeld bekommen. Hierzu zählen auch Probleme bei der Alltagsgestaltung, da sich Betroffene immer mehr mit dem Essen beschäftigen und dann eigentliche Interessen vernachlässigen. Betroffene finden es zudem oft schwierig, außerhalb zu essen, auszugehen oder in den Urlaub zu fahren, da sie dort nicht sicherstellen können, was es zu essen gibt bzw. die eigenen Präferenzen nicht ohne weiteres um- oder durchgesetzt werden können. Zudem ergeben sich oft Probleme, neue Freunde zu finden oder enge Beziehungen aufzubauen, da soziale Essensanlässe oft Teil dieses Prozesses sind. Es kann sein, dass sich diese Form der Essstörungserkrankung demnach lange unentdeckt bleibt und beispielsweise erst nach Umzügen zeigt.

wie kann ich ARFID von Anorexie und Bulimie unterscheiden?

Grundsätzlich muss allen inzwischen klar sein, dass es gar nicht so leicht ist, all diese Störungsbilder eindeutig voneinander zu unterscheiden. Im Falle von ARFID ist das aber gut möglich, denn:

  • auch wenn Betroffene extrem viel Gedanken und Aufwand in das Thema Essen stecken, beschäftigen sie sich typischerweise nicht übermäßig mit den Themen Figur und Gewicht
  • d.h. insbesondere, dass die Einschränkung oder Vermeidung der Lebensmittel primär nicht darauf abzielt, an Gewicht abzunehmen!

Entsprechend würde die Diagnose ARFID nicht gleichzeitig mit einer anderen Essstörungserkrankung gestellt werden, obwohl solche vorangehen oder folgen könnten.

Ein weiteres Ausschlusskriterium wären klare medizinische Gründe für das Einschränken der Lebensmittel (zum Beispiel nachgewiesene Unverträglichkeiten oder Allergien, Operationen oder Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts) oder falls die Einnahme von Medikation nachweislich zu Appetitverlust oder Verdauungsbeschwerden führt.

Prinzipiell gibt es bisher nur eine sehr geringe Datenlage zu diesem Störungsbild, sodass wir sagen können, dass jeder jeden Alters diese Störung entwickeln kann. Zudem kann ARFID auch als Begleiterscheinung einer Vielzahl anderer Störungsbilder auftreten, wie zum Beispiel in Verbindung mit PTBS, Zwangs- und Angststörungen, Depressionen, Autismus und ADHS. Zu den neuesten Phänomenen, welche die Entwicklung von ARFID begünstigen gehört „long-Covid“ mit totalem Geschmacksverlust, was dazu führen kann, dass Betroffene sich auf andere Sinnesorgane überfokussieren und anfangen, ihre Lebensmittelauswahl einzuschränken.

welche konkreten Anzeichen gibt es?

Da es – wie oben beschrieben – es eine Vielzahl möglicher Bedingungs- und Einflussfaktoren gibt, können die entsprechenden Anzeichen und Symptome stark variieren. Wie bei allen Störungsbildern müssen nicht zwangsläufig alle auf einmal auftreten oder können wechseln.

Mögliche Anzeichen von ARFID sind:

  • augenscheinlich gibt es zunächst eine angemessen erscheinende Auswahl an Lebensmitteln, aber Betroffene essen insgesamt viel geringere Mengen als üblich wäre
  • Betroffenen fällt es schwer zu erkennen, wann sie hungrig sind
  • sie beschreiben häufig ein Gefühl, sich nach nur wenigen Bissen satt fühlen
  • und können (überraschend) gereizt darauf reagieren, wenn man sie anspricht, mehr zu essen
  • langsames und ausgedehntes Essverhalten, sorgfältiges Kauen, kleine Schlucke und Bissen nehmen usw.
  • Betonung der Überzeugung, dass Essen eine „lästige Pflicht“ sei
  • das Verpassen oder Vergessen ganzer Mahlzeiten, weil anderes wichtiger erscheint
  • überbetonte Empfindlichkeit gegenüber Textur, Geruch oder Geschmack bestimmter Lebensmittel
  • plötzlich bzw. überraschend für andere ein „sehr wählerischer Esser“ zu sein
  • Geringe Lebensmittelauswahl, bzw. immer das selbe essen
  • unabhängig von dem Essplan der Familie oder Freunden, darauf zu bestehen, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen bzw. „immer etwas anderes zu essen“
  • Das Sortieren (und Auswählen) der Lebensmittel nach bestimmten Merkmalen (Farbe, Größe, Konsistenz)
  • Vermeiden (ansonsten bzw. früher besuchter) sozialer und gesellschaftlicher Anlässe und Veranstaltungen, wenn Essen beteiligt ist
  • Erhöhte Anspannung beim Essen
  • schleichender Gewichtsverlust (bzw. bei Kindern unzureichende Gewichtsentwicklung)
  • Feststellen spezifischer Folgen der Mangelernährung (zum Beispiel Anämie als Folge von Eisenmangel)
  • die Betroffenen greifen bereits auf eine auffällige Anzahl von Nahrungsergänzungsmitteln zu (Gefahr von Nieren- und Leberschäden, wenn nicht fachärztlich eingeschätzt/angeordnet)

Wie gehe ich am besten vor, falls ARFID mich oder jemanden der mir nahe steht, betrifft?

Wenn du glaubst, dass du ARFID haben könntest, solltest du einen Termin bei deiner Hausärztin/deinem Hausarzt vereinbaren; alternativ die zuständige Kinderärztin/ der zuständige Kinderarzt. Sollte es sich stattdessen um ein Familienmitglied oder ein:e Freund:in handeln, die ARFID haben konnte, ist es ratsam, zuerst mit ihnen zu sprechen. Biete ihm oder ihr zunächst Hilfe an, um sie zu unterstützen und ermutige sie vorsichtig, sich passende professionelle Hilfe und Unterstützung zu suchen. Es auch in diesem Fall am besten, wenn eine Hilfestellung von außen so schnell wie möglich nach dem Erkennen der Schwierigkeiten eingeleitet oder angeregt wird. Bei Essstörungserkrankungen gilt immer dasselbe: je früher dagegen vorgegangen wird, desto besser die Chancen, es rasch in den Griff zu bekommen!
Wahrscheinlich reagiert die angesprochene Person nicht sofort dankbar, da sie ihre Rückmeldung als Angriff oder Versuch der Einflussnahme interpretiert, aber jede Rückmeldung kann dabei helfen, gesündere Gedankenströme zu entwickeln. Falls du selbst daran arbeitest, dein Essverhalten zu verändern, mach dir klar, dass es gerade am Anfang am schwersten ist und sich Veränderungen in der Regel „falsch“ anfühlen werden und womöglich von ausgeprägten Ängsten und Anspannung begleitet ist. Deswegen ist es so ratsam, sich für diesen Prozess professionelle Unterstützung zu holen. Es kann sein, dass du – oder die Person, um die du dich sorgst – den Eindruck hat, dass nichts mehr helfen würde. Das stimmt aber nicht. Jede Störung kann mit der richtigen Anleitung überwunden werden!

Falls du Beratung für dich oder deine Liebsten zu diesem Thema wünschst, kannst du hier einen Termin anfragen:
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