ADHS – Diagnostik

Auch wenn jeder Mensch die Störung anders wahrnimmt: AD(H)S beeinflusst den Alltag erheblich. Betroffenen fällt es zum Beispiel schwer, organisiert zu bleiben, Termine zu planen und einzuhalten sowie unbeschwert in soziale Situationen zu gehen. Kein Wunder also, berichten AD(H)Sler häufig, sich bereits vor der Diagnose stets «anders» oder nirgendwo zugehörig gefühlt zu haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass viele Betroffene erst im Rahmen einer Behandlung der Begleiterkrankung überhaupt mit AD(H)S diagnostiziert werden. Im folgenden Beitrag haben wir uns den Begleiterkrankungen von AD(H)S detailliert gewidmet.

Es kann eine Herausforderung sein, den Alltag mit dieser Störung zu bewältigen. Aber AD(H)S hat auch gute Seiten. So gelten Betroffene als überdurchschnittlich kreativ, hilfsbereit, feinfühlig und haben eine schnelle Auffassungsgabe. Sie sind, wenn sie sich für ein Thema wirklich interessieren, sehr begeisterungsfähig und können sich dann auch stundenlang damit auseinandersetzen (sogenannter Hyperfokus). Ausserdem werden sie für ihre Spontanität, ihre Fantasie und ihren Humor geschätzt.

ADHS-Diagnostik ist lohnenswert aus mehreren Gründen:

  1. Früherkennung und Behandlung: Eine frühzeitige Diagnose von ADHS ermöglicht es, die richtige Behandlung und Unterstützung zu beginnen. Durch eine frühzeitige Intervention können die Symptome kontrolliert und mögliche negative Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche wie Schule, Arbeit und soziale Beziehungen minimiert werden.
  2. Verbesserung der Lebensqualität: Die ADHS-Symptome können das tägliche Funktionieren erschweren und zu Frustration, Stress und Einschränkungen führen. Eine korrekte Diagnose ermöglicht es, geeignete Strategien und Behandlungsmethoden einzusetzen, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihnen dabei zu helfen, ihr volles Potenzial zu entfalten.
  3. Verständnis und Akzeptanz: Eine ADHS-Diagnose kann dazu beitragen, dass Menschen, die von ADHS betroffen sind, ein besseres Verständnis für sich selbst und ihre einzigartigen Merkmale entwickeln. Dies kann zu einem tieferen Verständnis und Akzeptanz ihrer eigenen Identität führen und ihnen helfen, sich besser in ihrer Umwelt zurechtzufinden.
  4. Förderung der Bildung: Die ADHS-Diagnose ermöglicht es, spezifische Lern- und Arbeitsstrategien zu implementieren, um das schulische und berufliche Potenzial von Betroffenen auszuschöpfen. Durch eine geeignete Unterstützung können Kinder mit ADHS ihre schulischen Leistungen verbessern und ihre individuellen Stärken entwickeln.
  5. Forschungs- und Therapiefortschritt: Eine genaue und frühzeitige Diagnose von ADHS ermöglicht es Forschern und Therapeuten, die Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten der Störung besser zu verstehen. Dadurch können neue Therapiemethoden entwickelt werden, um den Bedürfnissen und Herausforderungen von Menschen mit ADHS gerecht zu werden.

ADHS Diagnostik bei Kindern- und Jugendlichen

Eine sorgfältige Diagnosestellung ist sehr wichtig, um unruhige, unterforderte oder traumatisierte Kinder von jenen mit ADHS zu unterscheiden. Zudem sollte abgeklärt werden, ob es vielleicht Schwierigkeiten in der Familie gibt. Je jünger ein Kind ist, desto eher ist unreifes und impulsives Verhalten altersgerecht und somit „normal“. Die Diagnose bei Kindern sollte nicht vor dem Alter von drei bis vier Jahren erfolgen. Zu den möglichen Therapien zählen vor allem die Aufklärung über die Erkrankung, Elternschulung/Elterncoachings, intensive Zusammenarbeit mit der Schule, Medikamente und Psychotherapie.

Kinder mit ADHS fallen auf, Kinder mit ADS leiden im Stillen.

Wie wird die Diagnose ADHS im Kindes- und Jugendalter gestellt?

Eine Erhebung der Krankengeschichte sowie ein ausführliches Gespräch stehen am Beginn der Diagnosestellung. Die Ärztin/der Arzt führt zudem eine körperliche Untersuchung durch. Andere Ursachen für die Symptome müssen ausgeschlossen werden (z.B. Schilddrüsenüberfunktion, Schlafstörungen, Seh- oder Hörschwierigkeiten, andere psychische oder neurologische Erkrankungen). Zudem wird abgeklärt, ob Krankheiten vorliegen.

Zur Diagnosestellung gehört ebenfalls eine klinisch-psychologische Diagnostik. Dabei werden Tests durchgeführt bzw. Fragebögen ausgefüllt. Eine Einbeziehung in die Diagnostik vom weiteren sozialen Umfeld von Kindern (z.B. aus der Schule) kann hilfreich sein. Dies dient dazu, das Verhalten aus Schule oder Kindergarten beurteilen zu können.

Schließlich müssen alle erfassten Informationen durch ein erfahrenes Team aus Ärzt:innen und Psycholog:innen eingeschätzt und bewertet werden. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht eine passende Behandlung!

Anamnese

Im Anamnesegespräch werden alle wichtigen Einfluss- und Bedingungsfaktoren erfasst, dazu gehören:

  • Gesundheitsfragen (Vorerkrankungen in der Familie)
  • Fragen zur familiären Situation (Stressfaktoren wie Umzug, Kita-Wechsel, Trennung, Geburt neuer Geschwister usw.)
  • schulische Situation (plötzliche Verhaltensänderungen, Lernschwierigkeiten, Streitigkeiten, Entwicklungsauffälligkeiten)
  • allgemeine Symptome & Beobachtungen
Psychologische Diagnostik

Es ist wichtig eine umfassende und vor allem kombinierte Psycho-Diagnostik (Selbsterhebungsfragebögen, Interview-Verfahren, Funktionsdiagnostik) durchzuführen, was leider aus Zeit- und Kostengründen nur sehr selten im Fachkreis erfolgt.

Hierzu zählen zum Beispiel:

ADHS spezifische Psychodiagnostik
DIVA 5.0 Interview,
WR-SB: Wender-Reimherr Selbstbeurteilungsfragebogen (Retz-Junginger et al., 2017)
KATE: Kölner ADHS Test für Erwachsene (Lauth und Minsel, 2014)
ADHS-SB: ADHS Selbstbeurteilungsskala (HASE: Rösler et al., 2008)
Conners-3: Conners Skalen zu Aufmerksamkeit und Verhalten – 3 (Lidzba et al., 2015) (unter 18 J.)
CAARS-O: Conners Skalen zu Aufmerksamkeit und Verhalten für Erwachsene, Fremdbeurteilung
CAARS-S: für Erwachsene, Selbstbeurteilung (Christiansen et al., 2015)
d2-Test (Brickenkamp)
BP-Konzentrationstest nach Esser

Intelligenz
> WAIS-IV:
Wechsler Adult Intelligence Scale – Fourth Edition (vormals HAWIE)
> AAI – bestehend aus AQ: Autismus-Spektrum-Quotient & EQ: Emotional Quotient für Asperger-Autismsu
> DASS-21 (DepressionsAngstStress-Skalen)
> SEK-27 (Fragebogen zur Selbsteinschätzung emotionaler Kompetenzen)

Differentialdiagnostik

Es gibt häufig Einflussfaktoren, welche die eigentliche Diagnostik erschweren oder „überlagern“, weswegen in der professionellen Einschätzungen sogenannte Differentialdiagnostische Überlegungen nicht fehlen dürfen. Diese dienen zum Beispiel dem Ausschluss der ursprünglichen Hypothese. Hierzu zählen beispielsweise:

BSL-23: Borderline Symptom Liste 23
CFT-20-R: Intelligenz-Screening für Erfassung der Grund-Intelligenz
– 
WAIS-IV: Wechsler Adult Intelligence Scale – Fourth Edition (vormals HAWIE)
AAI – bestehend aus AQ: Autismus-Spektrum-Quotient & EQ: Emotional Quotient für Asperger-Autismsu
DASS-21 (DepressionsAngstStress-Skalen)
SEK-27 (Fragebogen zur Selbsteinschätzung emotionaler Kompetenzen)

Die zwei Seiten der Diagnose

Kinder und Jugendliche mit ADHS haben Probleme, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und bleiben in der Schule oder Ausbildung oft hinter ihrer Leistungsfähigkeit zurück. Um Möglichkeiten zur Hilfe und weiteren Behandlung zu schaffen, ist es wichtig, dass sie zunächst die richtige Diagnose erhalten. Auf der anderen Seite ist es wichtig, ADHS-Diagnosen sehr sorgfältig und keinesfalls voreilig zu stellen. Denn wenn Kinder oder Jugendliche irrtümlich mit ADHS diagnostiziert werden, können Selbstzweifel oder Minderwertigkeitsgefühle entstehen. Wird Kindern aufgrund einer Fehldiagnose zum Beispiel bewusst oder unbewusst vermittelt, sie seien weniger intelligent und leistungsfähig als andere, kann genau dies eintreten: Sie bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück. Familien empfinden eine ADHS-Diagnose unterschiedlich. Manche sind erleichtert, wenn es endlich eine Diagnose gibt, die das auffällige Verhalten erklärt. Andere tun sich schwer damit, die Diagnose zu akzeptieren, fühlen sich gebrandmarkt oder haben Zweifel daran, ob ihr Kind tatsächlich betroffen ist.

Zunahme der ADHS-Diagnosen: In Deutschland wurde im Jahr 2006 bei 2,3 % der Kinder und Jugendlichen, die in der AOK versichert waren, die Diagnose ADHS gestellt. Im Jahr 2014 waren es mit 4,6 % doppelt so viele. Aktuellere Untersuchungen bestätigen die Zunahme auch bis 2022.

ADHS Diagnostik bei Erwachsenen

Bei vielen Erwachsenen wurde ADHS in der Kindheit übersehen – sie wissen also gar nichts von der Krankheit und kennen die Ursachen ihrer Probleme nicht. Sie können sich keinen Reim auf ihre „Auffälligkeiten“ machen und suchen erst einen Arzt auf, wenn es zu ernsten Problemen in Alltag und Partnerschaft kommt. Häufige Ausgangspunkte bei der Suche nach einer Ursache sind zum Beispiel

  • Schwierigkeiten am Arbeitsplatz
  • Konflikte in Familie und Partnerschaft
  • Begleiterkrankungen, z. B. Depressionen oder Suchterkrankungen

Die bei Kindern auffällige körperliche Unruhe richtet sich mit zunehmendem Alter oft nach innen. Das heisst, Betroffene zappeln weniger, fühlen sich aber häufig nervös und/oder gestresst. Auch die Impulsivität äußert sich im Erwachsenenalter anders als bei Kindern. So neigen betroffene Frauen und Männer eher zu unüberlegten Geldausgaben oder Suchtproblemen, anstatt, wie vielleicht in jüngeren Jahren, zu Wutanfällen. Das hat einerseits mit Veränderungen im Gehirn zu tun. Andererseits ist es so, dass Kinder mit AD(H)S nicht selten Zurechtweisungen oder gar Ablehnung erfahren und irgendwann lernen, dass es leichter für sie ist, wenn sie sich «zusammenreißen». Dieses Phänomen wird als «Masking» bezeichnet und betrifft auch Menschen im Autismus-Spektrum. Betroffene verstecken oder kompensieren ihre Symptome, um besser in die Gesellschaft zu passen. Das passiert häufig unbewusst, weshalb gerade ADS im Erwachsenenalter schwer zu diagnostizieren ist.

Die Diagnostik verläuft hier geringfügig anders, als bei betroffenen Kindern, da die Kindheitssymptome lediglich „erinnert“ werden (können). Hierzu zählen dann zum Beispiel die Zeugnissichtung oder klinische Vorbefunde aus der Kindheit. Ansonsten ist bei Erwachsenen ebenfalls eine Kombination aus Anamnesegespräch, Psychodiagnostik und ganzheitlicher Einschätzung erforderlich. Wichtig sind dabei vor allem die ICD-11 bzw. DSM 5 Diagnosekriterien.

  • Diagnosekriterien (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität)

    Beide Diagnose-Standards stimmen weitgehend überein, was genau unter Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität zu verstehen ist.

    Demnach gilt als Unaufmerksamkeit, wenn man

    • bei Aufgaben in der Schule, Ausbildung, auf Arbeit oder zu Hause viele Flüchtigkeitsfehler macht oder oft unachtsam ist, wenn es um Details geht.
    • sich nur schlecht über längere Zeit auf eine Sache konzentrieren kann, ob beim Spielen oder anderen Beschäftigungen.
    • in Gesprächen oder im Unterricht oft nicht zuhört.
    • Aufgaben oder Tätigkeiten oft nicht zu Ende ausführt, zum Beispiel die Hausaufgaben (oder Hausarbeiten) nicht fertigmacht oder Spiele mit anderen abbricht.
    • sich damit schwer tut, seine Aufgaben und seinen Alltag zu organisieren.
    • eine starke Abneigung gegen Aufgaben hat, die längerfristige Konzentration erfordern und diese meidet.
    • oft Gegenstände verliert, die in der Schule, Arbeit oder Ausbildung benötigt werden, wie Stifte, Schulbücher oder Werkzeug.
    • häufig von Reizen aus der Umgebung abgelenkt wird.
    • im Alltag vieles vergisst.

    Als Hyperaktivität wird bezeichnet, wenn man

    • oft unruhig ist, mit den Händen oder Füßen zappelt oder auf dem Sitz herumrutscht.
    • oft aufsteht, auch wenn es gerade nicht passt, zum Beispiel in einer Unterrichtsstunde.
    • häufig wild herumläuft oder auf Gegenstände klettert, obwohl dies unangemessen ist (bei Kindern).
    • sich oft rastlos fühlt (bei Jugendlichen).
    • sich schwer damit tut, während des Unterrichts oder in der Freizeit leise zu sein.
    • immer in Bewegung ist oder wie angetrieben wirkt.

    Von Impulsivität spricht man, wenn man

    • häufig andere unterbricht, in Unterhaltungen oder Spiele „hineinplatzt“.
    • oft schon auf Fragen antwortet, bevor sein Gegenüber diese zu Ende gestellt hat.
    • sich damit schwer tut zu warten, bis sie oder er an der Reihe ist.
  • Nach den ICD-Kriterien wird eine ADHS-Diagnose gestellt, wenn

      • mindestens sechs Anzeichen von Unaufmerksamkeit und drei Anzeichen von Hyperaktivität und ein Anzeichen von Impulsivität bestehen und

      • diese Anzeichen schon vor dem siebten Geburtstag aufgefallen sind.

  • Nach dem DSM wird eine ADHS-Diagnose bereits gestellt, wenn

      • mindestens sechs Anzeichen von Unaufmerksamkeit oder mindestens sechs Anzeichen von Hyperaktivität und Impulsivität bestehen und

      • diese Anzeichen schon vor dem zwölften Geburtstag aufgefallen sind.

  • Sowohl die ICD- als auch die DSM-Kriterien setzen für eine Diagnose zudem voraus, dass

      • die Verhaltensauffälligkeit über mindestens sechs Monate beobachtet wurde,

      • das Verhalten in mehr als einer Umgebung beobachtet wurde, etwa in der Schule und zu Hause,

      • das Verhalten den Alltag sehr beeinträchtigt, zum Beispiel die schulische Leistung, das Familienleben oder Freundschaften darunter leiden, und

      • andere psychische Erkrankungen als Ursachen für das auffällige Verhalten ausgeschlossen wurden.

Der ICD setzt das Alter, in dem die Störung erstmals aufgefallen sein muss, niedriger an als der DSM. Zudem erfordern die ICD-Kriterien, dass in allen drei Bereichen (Hyperaktivität, Impulsivität, Unaufmerksamkeit) Auffälligkeiten bestehen. Wenn der ICD angewendet wird, bekommen daher nur Kinder und Jugendliche mit einer ausgeprägten Verhaltensauffälligkeit die Diagnose ADHS. Werden die DSM-Kriterien angewendet, erhalten auch Kinder und Jugendliche mit leichten oder mittelschweren Auffälligkeiten eine Diagnose.

Eine Übereinkunft, wann genau man von leichter, mittelschwerer und schwerer ADHS spricht, gibt es nicht.

Solltest du dich oder dein Kind hier von den Symptomen her überwiegend wiederfinden, ist es auf jeden Fall ratsam, dass du dir professionelle Unterstützung suchst. Diese Internetseite ersetzt keinesfalls eine professionelle Diagnose oder Behandlung.

Die nötige Art von Unterstützung findest du zum Beispiel bei Psychiater:innen, Psychotherapeut:innen, Neurolog:innen oder spezialisierten Diagnostikzentren, wie zum Beispiel das ADZ (ADHS Diagnostik- und Behandlungszentrum).