Rumination disorder (zu deutsch: das Wiederkäuer-Syndrom)

Das Wiederkäuer-Syndrom ist ein Zustand, bei dem Menschen wiederholt und zum Teil auch unbeabsichtigt unverdaute oder teilweise verdaute Nahrung aus dem Magen spucken (auswürgen), sie dann erneut kauen (wiederkäuen) und dann entweder wieder runterschlucken oder ausspucken. Betroffene haben oft einen hohen Leidungsdruck, Schmerzen und ausgeprägtes Schamgefühl. Ein Einflussfaktor kann eine ungezielte Kontraktion der Magenmuskulatur sein, was zum Beispiel durch eine Viruserkrankung, emotionale Belastung oder körperliche Verletzung ausgelöst werden kann. In den meisten Fällen kann jedoch kein zugrunde liegender Auslöser zweifelsfrei identifiziert werden.

Da das Essen noch nicht verdaut wurde, hat es häufig nicht den säurehaltigen Geschmack, wie es bei Erbrochenem üblich wäre, weswegen diese Störung anfänglich nicht als problematisch eingeordnet wird. Betroffene von Rumination Disorder haben das Problem meist sofort mit Beginn des Essens.

Es ist nicht klar, wie viele Menschen diese Störung haben. Die Behandlung kann Verhaltenstherapie oder Medikamente (zum Beispiel Protonenpumpenhemmer, welche die Magensäureproduktion reduzieren) umfassen. Verhaltenstherapie zielt dann häufig darauf ab, dass Betroffenen (wieder) beigebracht wird, aus dem Zwerchfell zu atmen, wodurch sie weniger Luft beim Essen und Kauen in den Magen pumpen bzw. das Wiederkäuen durch tiefe Atemtechniken ersetzen.

Psychische Störung, trauriger Mann mit verwirrten Gedanken.

Was ist das denn jetzt genau bzw. woran erkenne ich das?

kurz zur Geschichte:
Der Begriff Wiederkäuen leitet sich vom lateinischen Wort ruminare ab und kann in etwa übersetzt werden mit: die Keule kauen. Erstmals in der Antike beschrieben und in den Schriften von Aristoteles erwähnt, wurde das Wiederkäuersyndrom 1618 vom italienischen Anatomen Fabricus ab Aquapendente klinisch dokumentiert, der über die Symptome bei einem seiner Patienten schrieb. Einer der am besten dokumentierten Fälle ist der eines Arztes im neunzehnten Jahrhundert, Charles-Édouard Brown-Séquard: Um die Säurereaktion des Magens auf verschiedene Nahrungsmittel zu bewerten und zu testen, schluckte er Schwämme, die er an eine Schnur gebunden hatte und würgte sie dann absichtlich wieder heraus, um den Inhalt zu analysieren. Als Ergebnis dieser Experimente würgte er im Verlauf zunehmend ungewollt seine Mahlzeiten gewohnheitsmäßig reflexartig wieder hoch.

Typologie
Es gibt kein Würgen, Übelkeit, Sodbrennen, Geruch oder Bauchschmerzen im Zusammenhang mit dem Aufstoßen, wie es bei typischem Erbrechen der Fall ist, und die hochgewürgte Nahrung ist (beinahe) unverdaut. Ursprünglich war dieses Phänomen nur bei Säuglingen („Spuck-Babys“), Kleinkindern und Menschen mit kognitiven Behinderungen bekannt. Im Durchschnitt liegt die Prävalenz bei ca. 10% bei institutionalisierten Patienten mit verschiedenen geistigen Behinderungen eine solche Störung zu entwickeln. Für Wissenschaftler bisher unerklärlich erscheint jedoch, dass diese Symptomatik auch zunehmend bei einer größeren Anzahl von ansonsten gesunden Jugendlichen und Erwachsenen beobachtet werden kann.

Das Wiederkäuersyndrom zeigt sich auf vielfältige Weise, wobei ein besonders hoher Kontrast zwischen der Darstellung des typischen erwachsenen Patienten ohne geistige Behinderung und der Darstellung eines Erwachsenen mit geistiger Behinderung besteht. Wie verwandte gastrointestinale Störungen kann das Wiederkäuen die normale Funktion und das soziale Leben von Individuen beeinträchtigen. Es gibt nur wenige umfassende Daten zum Wiederkäuer-Syndrom bei ansonsten gesunden Personen, da die meisten Menschen über ihre Krankheit aus Scham schweigen. Das größte Problem erscheint aber, dass Betroffene oder Angehörige zunächst körperliche Ursachen vermuten und es zu einer langen Odyssee von Arztbesuchen kommt, bis eine psychische Ursache vermutet – und behandelt – wird. Es gibt viele Ähnlichkeiten zu anderen Erkrankungen des Magens und der Speiseröhre, wie zum Beispiel Gastroparese oder das Reflux-Syndrom.

Symptome

Während die Anzahl und Schwere der Symptome von Person zu Person variieren, ist ein wiederholtes Aufstoßen von unverdauter Nahrung (bekannt als Wiederkäuen) nach Beginn einer Mahlzeit immer vorhanden. Bei einigen Personen tritt das Aufstoßen in geringem Maß und erst spät nach Beginn des Essens auf, sodass das unverdaute Nahrungsmittelbestandteile erneut gekaut und geschluckt werden können. In anderen Fällen beginnt das Aufstoßen bereits unmittelbar nach dem ersten Bissen und häufig, sodass sich die Konsistenz des Wiedergekäutem zunehmend verschlechtert und mit Magensäure verbindet, sodass die zunehmend sauer und unverträglich schmeckende Nahrung ausgespuckt wird. Beginn und Dauer ist bei Betroffenen ganz unterschiedlich.

Im Gegensatz zu typischem Erbrechen (zum Beispiel bei Bulimia nervosa) wird Wiederkäuen typischerweise als mühelos und ungezwungen beschrieben. Es gibt selten Übelkeit und der unverdauten Nahrung fehlt der bittere Geschmack und Geruch von Magensäure und Galle. Die Symptome können sich zu jedem Zeitpunkt von der Einnahme der Mahlzeit bis 120 Minuten danach manifestieren. Am häufigsten kommt es zum Ruminieren zwischen 30 Sekunden und 1 Stunde nach Abschluss einer Mahlzeit. Die Symptome klingen meist ab, wenn das wiedergekäute Essen zunehmend säurehaltig/sauer schmeckt.

Weitere häufige Symptome und Begleiterscheinungen sind: Gewichtsverlust (42,2%), Bauchschmerzen (38,1%), mangelnde Stuhlproduktion oder Verstopfung (21,1%), Übelkeit (17,0%), Durchfall (8,2%), Blähungen (4,1%) und Zahnschäden/Karies (3,4%) sowie unangenehmer Mundgeruch. Depressionen werden häufig als Komorbidität genannt.

Ursachen

Die Ursache des Wiederkäuersyndroms ist unbekannt. Die wenigen Studien die es dazu gibt, zeigen eine Korrelation zwischen hypothetischen Ursachen und der biographischen Vorgeschichte von Betroffenen mit der Störung auf. Bei Säuglingen und kognitiv beeinträchtigten Menschen wird die Krankheit auf Überstimulation und Vernachlässigung durch Eltern und Betreuungspersonen zurückgeführt, sodass die Betroffenen Individuen aufgrund des Fehlens oder der Fülle externer Reize alternative Möglichkeiten zur Beruhigung oder Selbststimulation suchen. In Einzelfällen wird die Störung auf einen Krankheitsanfall, eine Stressperiode in der jüngsten Vergangenheit der Betroffenen oder auf Veränderungen der Medikation zurückgeführt.

Bei Erwachsenen und Jugendlichen vermutet man bisher zwei Auslöser: Gewohnheit und Traumatisierung.
Menschen mit einer Krankheitsvorgeschichte von Bulimia nervosa oder beruflichen Hintergründen (Kirmesleute, Magier und Feuerspucker) können eine unterbewusste Gewohnheit gebildet haben, die sich im Verlauf verselbständigt hat und sich (scheinbar) außerhalb der Kontrolle des betroffenen Individuums manifestiert. Andere haben etwas traumatisch verarbeitetes oder einen kritischen körperlichen Eingriff erlebt, wie eine kürzliche Operationen, extreme psychische Belastung, Gehirnerschütterungen, Todesfälle in der Familie usw.

Pathogenese

Es ist nach wie vor wenig zu dem Störungsbild bekannt. Eine Reihe von Theorien beschäftigt sich mit den Mechanismen, die das Aufstoßen – was als Hauptauslöser eingeordnet wird – verursachen oder begünstigen.

Am häufigsten wird eine Magendehnung diskutiert, auf die eine plötzliche Bauchkompression und die gleichzeitige Entspannung des unteren Ösophagussphinkters (LES) folgt. Dadurch entsteht ein gemeinsamer Hohlraum zwischen Magen und Oropharynx, der es dem teilweise verdauten Material ermöglicht, in den Mund zurückzukehren. Es gibt mehrere Hypothesen für die plötzliche Entspannung des LES, dazu gehört, dass es sich um automatisierte / gewöhnte Prozesse handelt, wie zum Beispiel bei Menschen mit Bulimia nervosa.
Ein weiterer Erklärungsansatz ist eine plötzliche Steigerung des intraabdominalem Drucks, welche die Bauchkompression zum primären Mechanismus machen würde.
Der dritte Ansatz ist das ungewollte Aufnehmen von Luft im Bauch, welche das Aufstoßen begünstigt und reflexartig auslöst. Dies scheint der mit am häufigsten beschriebene Grund zu sein. Das Schlucken von Luft unmittelbar vor dem Aufstoßen bewirkt die Aktivierung des Aufstoßenreflexes, der die Entspannung des LES auslöst. Patienten beschreiben oft ein Gefühl, das dem Beginn eines Rülpsers vor dem Wiederkäuen ähnelt.

Diagnostik

Das Ruminationssyndrom wird basierend auf einer vollständigen Anamnese des Individuums diagnostiziert. Kostspielige und invasive Studien wie gastroduodenale Manometrie und pH-Tests der Speiseröhre sind unnötig und führen oft zu Fehldiagnosen. Basierend auf typischen beobachteten Merkmalen wurden mehrere Kriterien für die Diagnose des Wiederkäuersyndroms vorgeschlagen.

> Das Hauptsymptom, das Aufstoßen von kürzlich aufgenommener Nahrung, muss konsistent sein und mindestens sechs Wochen der letzten zwölf Monate auftreten.
> Das Aufstoßen muss innerhalb von 30 Minuten nach Beendigung einer Mahlzeit beginnen. Die Patienten können das hochgewürgte Essen entweder erneut kauen und schlucken oder ausspucken.
> Die Symptome müssen innerhalb von 90 Minuten aufhören bzw. stoppen, wenn das hochgewürgte Essen beginnt, säuerlich zu schmecken.

Bei Erwachsenen wird die Diagnose durch das Fehlen klassischer oder struktureller Erkrankungen des Magen-Darm-Systems unterstützt. Zu den unterstützenden Kriterien gehört ein Aufstoßen, das nicht sauer oder sauer schmeckt, im Allgemeinen geruchlos ist, mühelos (ohne aktives Würgen) geschieht oder dem Hochwürgen höchstens ein Aufstoßen vorausgeht und dass die Handlung nicht mit Übelkeit oder Sodbrennen verbunden ist.

Betroffene Patienten besuchen durchschnittlich fünf Ärzte in einem Zeitraum bis zu 3 Jahren, bevor sie korrekt diagnostiziert werden.

Behandlung

Medikamentöse Ansätze, wie zum Beispiel mit Protonenpumpenhemmer zeigen wenig bis keine Wirkung. Die Behandlung ist bei Säuglingen und geistig behinderten Erwachsenen anders als bei Erwachsenen und Jugendlichen mit typischer Intelligenz. Dort scheint Verhaltens- und mildes Abneigungstraining in den meisten Fällen zu einer Verbesserung zu führen. Aversionstraining beinhaltet die Verbindung des Wiederkäuverhaltens mit negativen Ergebnissen und die Belohnung von gutem Verhalten und Essen: Zum Beispiel einen sauren oder bitteren Geschmack auf die Zunge zu geben, wenn Betroffene Verhaltensweisen oder Atemmuster beginnen, die für das Wiederkäuen typisch sind.

Bei Patienten mit normaler Intelligenz ist das Wiederkäuen kein absichtlich gesteuertes Verhalten und wird gewöhnlich mit gezieltem Training der Zwerchfellatmung umgekehrt, um dem Drang zum Aufstoßen entgegenzuwirken. Neben Beruhigung, Psychoedukation (Erklärung) und Gewohnheitsumkehr wird den Betroffenen gezeigt, wie sie vor und während des Wiederkäuens in ihr Zwerchfell atmen können. Übrigens: Ein ähnliches Atemmuster kann trainiert werden, um normales Erbrechen zu verhindern. Diese Art zu Atmen verhindert die für das Ausstoßen der Nahrung notwendigen Bauchkontraktionen.

Wenn du der Meinung bist, dass du oder jemand, der dir wichtig ist, an Rumination Disorder leidet, ist es wichtig, so schnell wie möglich Hilfe zu suchen. Trotz einer erfolgreichen Behandlung kann es zu Rückfällen kommen. Die Nachsorge  oder begleitende Unterstützung bei einer laufenden Behandlung ist wichtig. Falls du Beratung zu dem Thema wünschst, kannst du hier einen Termin anfragen:

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