Adipositas – die Volkskrankheit in Deutschland

Die Zunahme von Übergewicht und Adipositas ist ein weltweites Gesundheitsproblem. Deutschland zählt zu den Ländern mit Übergewichts- und Adipositas-Raten auf hohem Niveau.

Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig.
Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös).
Quelle: RKI Deutschland (10.2022)

Übergewicht und Adipositas sind Mitursache für viele Beschwerden und können die Entwicklung chronischer Krankheiten begünstigen (z.B. Diabetes mellitus Typ II, Herz-Kreislauf-Krankheiten, spezifische Krebsarten). In der Folge haben Adipöse eine geringere Lebenserwartung als Normalgewichtige. Aufgrund der steigenden Prävalenz und den damit verbundenen Folgeerkrankungen entstehen beträchtliche Kosten für das Gesundheits- und Sozialsystem. Übergewicht und Adipositas sind daher Themen von hoher Public-Health-Relevanz.

Definition von Adipositas

Adipositas ist definiert als eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Berechnungsgrundlage für die Gewichtsklassifikation ist der Körpermasseindex, der sogenannte Body Mass Index (BMI). Der BMI ist der Quotient aus Gewicht und Körpergröße zum Quadrat (kg/m2). Folgende Übersicht erleichtert dir den Überblick (Gewichtsklassifikation bei Erwachsenen anhand des BMI (nach WHO, 2000)):

KategorieBMIgesundheitliche Risiken infolge des Gewichts
Untergewicht< 18,5 kg/m²Risiken des anorektischen Untergewicht
Normalgewicht18,5 kg/m² bis < 25 kg/m²
Übergewichtüber 25 kg/m²selten
Prä-Adipositas25 kg/m² bis < 30 kg/m²geringfügig erhöht
Adipositas Grad I30 kg/m² bis < 35 kg/m²erhöht
Adipositas Grad II35 kg/m² bis < 40 kg/m²hoch
Adipositas Grad IIIüber 40 kg/m²dramatisch

Das Fettverteilungsmuster
Neben dem Ausmaß des Übergewichtes, welches über den BMI erfasst wird, bestimmt das Fettverteilungsmuster das metabolische und kardiovaskuläre Gesundheitsrisiko. Das Erkrankungsrisiko ist größer bei bauchbetonter Adipositas, die durch Fettansammlungen innerhalb des Bauchraums entsteht (der sogenannte Apfeltyp). Ein einfaches Maß zur Beurteilung dieser viszeralen Fettdepots ist die Messung des Taillenumfangs:
Bei einem Taillenumfang ≥ 88 cm bei Frauen bzw. ≥ 102 cm bei Männern liegt eine abdominale (bauchbetonte) Adipositas vor und es besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für das Auftreten von Folgeerkrankungen. Bei Personen mit einem BMI ≥ 25 kg/m2 sollte stets der Taillenumfang gemessen werden. Fettpolster an Gesäß und Beinen sind weniger schädlich (Birnentyp).

Gilt denn Adipositas als eigenständige Erkrankung?

Die Frage, ob Adipositas als eigenständige Krankheit oder allein als Risikofaktor für Folgeerkrankungen zu werten ist, ist umstritten. Adipositas ist daher im deutschen Gesundheitssystem nicht als Krankheit anerkannt. Allerdings können auch ohne Folgeerkrankungen bereits erhebliche Einschränkungen im Alltag und starker subjektiver Leidensdruck bestehen. Daher wird Adipositas von vielen Institutionen mittlerweile als Krankheit gesehen. Die WHO charakterisiert in ihrem Grundsatzpapier aus dem Jahr 2000 die Adipositas als Krankheit (WHO 2000). Bedeutsam ist zudem eine Entscheidung des Bundessozialgericht in einem Urteil vom 19.2.2003 sowie eine Resolution des Europäischen Parlaments im Jahr 2006, wo die Mitgliedsstaaten aufgefordert wurden, Fettleibigkeit offiziell als chronische Krankheit anzuerkennen.

Quelle: Deutsche Adipositas Gesellschaft

Ursachen

Prinzipiell lässt sich vereinfacht sagen, dass der Körper zu viel Energie von Lebensmitteln bekommt und demgegenüber zu wenig davon zum Beispiel in Form von Bewegung verbraucht.
Dadurch entsteht ein Überschuss, der als Fett in den Fettzellen gespeichert wird. Die Gene spielen ebenso eine Rolle wie die (soziale) Umwelt, in der wir leben und psychologische Faktoren. Die starke Zunahme der Häufigkeit von Adipositas in den industrialisierten Ländern werden vor allem auf die dick-machenden Umweltfaktoren zurückgeführt (“obesogenic environment“). Diese sind geprägt von Überernährung, Fehlernährung sowie Bewegungsmangel.

weitere mögliche Ursachen

☞ familiäre Disposition, genetische Ursachen
☞ Lebensstil (z.B. Bewegungsmangel, Fehlernährung)
☞ ständige Verfügbarkeit von Nahrung
☞ Schlafmangel
☞ Stress
☞ depressive Erkrankungen
☞ niedriger Sozial- oder sozioökonomischer Status (Bildung, Einkommen usw.)
☞ Essstörungen (z.B. Binge-Eating-Störung)
☞ endokrine Erkrankungen (z.B. Hypothyreose, Cushing-Syndrom)
☞ Medikamente (z.B. bestimmte Antidepressiva, Neuroleptika, Phasenprophylaktika und Antiepileptika; Antidiabetika, Glukokortikoide, einige Kontrazeptive, Betablocker)
☞ andere Ursachen (z.B. Immobilisierung nach Operation oder Unfall, veränderte Essgewohnheiten während und nach einer Schwangerschaft oder infolge von Nikotinverzicht)

Pränatale Faktoren
Bestimmte Erkrankungen der Mutter (z. B. Diabetes mellitus Typ 2) sowie Medikamente und bestimmte Chemikalien, welche während der Schwangerschaft Einfluss auf die Entwicklung des Fötus nehmen können, stehen im Verdacht, die Entstehung von Stoffwechselerkrankungen und Diabetes, aber auch die Nahrungsverwertung des Menschen und somit die Neigung zu Adipositas zu beeinflussen (z. B. Bisphenol A).

Genetische Faktoren
Es werden immer wieder genetische Einflussfaktoren diskutiert, aber eindeutige Belege für einen direkten Zusammenhang zwischen Genetik und Adipositas gibt es (bisher noch) nicht. Auch wenn genetische Faktoren den Grundumsatz, die Nahrungsverwertung und das Fettverteilungsmuster mitbestimmen so sind vor allem die Lebensumstände und die Haltung zum Essen selbst entscheidend. Eine Leipziger Studie um Prof. Dr. Peter Kovac will im Jahr 2007 dennoch ein relevantes Gen identifiziert haben, welches bei Menschen mit Adipositas vermehrt vorkomme: die Gen-Variante FTO, welche dafür sorge, dass bestimmte Fettzellen dieses nur noch speichern würden, anstelle es zu verbrennen. Dies habe erhöhtes Risiko für Adipositas zur Folge. Ob dem wirklich so ist, oder nicht doch vor allem die Lebensumstände verantwortlich sind, ließ sich bisher nicht bestätigen.

Prävalenz

Das RKI untersucht regelmäßig im Auftrag der Bundesregierung die Prävalenzraten. Zuletzt wurden diese Erkenntnisse in der GEDA Studie des RKI veröffentlicht (2020):
Mit zunehmendem Alter steigt sowohl bei Frauen als auch bei Männern die Prävalenz von Übergewicht einschließlich Adipositas an. Im Zeitverlauf betrachtet, hat die Adipositasprävalenz insbesondere bei jüngeren Altersgruppen deutlich zugenommen:
In der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre stieg die Adipositasprävalenz von 2010 bis 2014/2015 bei Frauen von 5,5% auf 9,7% und bei Männern von 5,4% auf 8,9%. In der Altersgruppe ab 65 Jahre zeigte sich für diesen Zeitraum dagegen keine weitere Zunahme. Über 80% der Erwachsenen mit Adipositas bleiben auch nach 10 Jahren noch adipös und haben dadurch ein erhöhtes Risiko für unterschiedliche Gesundheitsprobleme und Folgeerkrankungen. Die Adipositasprävalenzen variieren zudem nach sozialen Merkmalen:
Bei Personen der unteren im Vergleich zur oberen Bildungsgruppe liegt häufiger eine Adipositas vor. Dieser Unterschied ist bei Frauen in allen Altersgruppen mit Ausnahme der 65-Jährigen und Älteren zu beobachten. Bei Männern ist dies erst in den älteren Altersgruppen ab 45 Jahren zu sehen.

Nach Bundesländern schneidet Hamburg am besten ab: dort sind durchschnittlich 14,1% der Frauen und 11,9% der Männer betroffen. Am häufigsten leiden Bürger:innen in Brandenburg unter Adipositas, dort sind durchschnittlich 25,9% der Frauen bzw. 18,8% der Männer betroffen.

Übergewicht und Adipositas hat in den OECD Ländern (dazu gehören fast alle EU-Staaten, USA, Japan, Südkorea, Australien, Schweiz und die Türkei) das „alarmierende Ausmaß einer Volkskrankheit“ angenommen:
In einer Studie aus dem Jahre 2019 – mit dem vielsagenden Namen „The Heavy Burden of Obesity – The Economics of Prevention“ – kommt die OECD zu dem Schluss, dass zwischen 2010 und 2016 der Anteil der Erwachsenen mit Adipositas in den OECD Ländern von 21 auf 24 Prozent gestiegen ist – ein Zuwachs von 50 Millionen. Nach einer Prognose des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung könnte im Jahr 2050 fast die Hälfte der Weltbevölkerung (45 Prozent) übergewichtig sein.

Aktuell gehen wir also von über 20 Millionen adipösen Bürger:innen allein in Deutschland aus!

Folgen (Gesundheit)

Erwachsene mit Adipositas haben eine niedrigere Lebenserwartung und ein erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten. Adipositas ist also nicht “nur” ein kosmetisches Problem, es ist ein medizinisches Problem, das das Risiko für andere Erkrankungen und Gesundheitsprobleme erhöht.

über 3-fach erhöhtes Risiko für: Typ-2-Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit); Cholezystolithiasis (Gallenstein-Erkrankung); Dyslipidämie (erhöhte Blutfettwerte); Insulin-Resistenz (nachlassende Insulinwirkung); Fettleber; Schlaf-Apnoe-Syndrom

2 bis 3-fach erhöhtes Risiko für: Koronare Herzerkrankungen; Hypertonie (Bluthochdruck); Gonarthrose (Kniegelenks-Arthrose); Gicht; Refluxösophagitis

1 bis 2-fach erhöhtes Risiko für: Carcinome (Krebserkrankungen); Polyzystisches Ovar-Syndrom; Koxarthrose (Hüftgelenks-Arthrose); Rückenschmerzen; Infertilität (Unfruchtbarkeit); Fetopathie (Schädigung der Frucht)

(Quelle: Obesity: preventing and managing the global epidemic. Report of a WHO consultation. World Health Organization technical report series 2000;894:i-xii, 1-253. Epub2001/03/10. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11234459)

Adipositas ist darüber hinaus auch ein Risikofaktor für eine Verminderung der kognitiven Leistungsfähigkeit und für Demenzerkrankungen, einschließlich der Alzheimer-Krankheit. Eine Rolle spielen hierbei Defekte des Gefäßsystems, der beeinträchtigte Insulin-Metabolismus und -Signalweg und ein Defekt im Glukosetransportmechanismus im Gehirn. Neuere Untersuchungen zeigen, dass mit zunehmendem BMI das Risiko für eine Atrophie (Gewebsschwund) bestimmter Hirnareale und infolgedessen das Risiko für eine Demenz steigt. Betroffen von der Schrumpfung des Gehirngewebes sind vor allem der Frontallappen, Teile des Scheitellappens und der Hippocampus. Noch nicht abschließend geklärt ist allerdings, ob der Hirngewebeschwund zuerst auftritt und das Übergewicht hierdurch erst ausgelöst wird, da sich in den betroffenen Regionen auch Hirnzentren befinden, welche die Nahrungsaufnahme und den Stoffwechsel beeinflussen.

Auch die seelischen Folgen der Adipositas sind gravierend. Die Betroffenen fühlen sich oft als Versager und Außenseiter. Oft treten psychische und sogar wirtschaftliche Schäden für die Betroffenen auf, weil Fettleibigkeit gesellschaftlich nicht toleriert wird und Betroffene oft sozial und beruflich ausgegrenzt werden. Adipositas kann beispielsweise einer Einstellung in den öffentlichen Dienst oder einer Verbeamtung entgegenstehen.

Vom „Wohlstandsyndrom“ zum „metabolischen Syndrom“

Früher hat man vom „Wohlstandssyndrom“ gesprochen. Im Jahre 1981 wurde erstmals der Begriff „metabolische Syndrom“ (MetS) eingeführt. Das metabolische Syndrom umfasst viele Dimensionen, kann aber grundsätzlich durch die Faktoren (1) abdominale Adipositas, (2) Insulinresistenz, (3) gestörter Nüchternzucker, (4) Dyslipoproteinämie, sowie (5) Hypertonie eingegrenzt werden. Tückisch ist, dass diese Veränderungen schleichend und zunächst ohne Beschwerden beginnen. Die sich aus diesen Symptomen ergebenden sekundären Erkrankungen, sind mit dem Auftreten von Typ-2- Diabetes, kardiovaskulären Erkrankungen und nicht alkoholischen Fettlebern assoziiert.

Kosten

KOSTEN DER ADIPOSITAS IN DEUTSCHLAND

Übergewicht und Adipositas sind Mitursache für viele Beschwerden und können die Entwicklung chronischer Krankheiten begünstigen. Die finanziellen und sozialwirtschaftlichen Folgen von Übergewicht und Adipositas sind enorm. Allein die Schäden am Stütz- und Bewegungsapparat führen zu einer Vielzahl von Therapien bis hin zu operativen Eingriffen (zum Beispiel Knieoperation, Hüftoperation), die ihrerseits insbesondere bei ausgeprägter Adipositas zu Komplikationen wie Wundheilungsstörungen und verzögerter Wiederherstellung führen.

Laut Berechnungen der Universität Hamburg belaufen sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Adipositas in Deutschland, alle direkten und indirekten Kosten zusammengenommen, auf etwa 63 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei machen die direkten Kosten etwa 29 Milliarden (direkte Kosten umfassen die Kosten der Adipositasbehandlung und der Behandlung der assoziierten Komorbiditäten.) was in etwa 11% aller Gesundheitsausgaben entspricht. Die indirekten Kosten (Verlust von Lebensqualität, Produktivitätsverlust durch krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit oder durch vorzeitige Berentung) machen schätzungsweise etwa 34 Milliarden Euro aus. Das sind laut MDR Recherchen ca. 430 Euro pro Steuerzahler.

Einer Modellierung der OECD zufolge werden in den OECD-Ländern im Schnitt etwa 8 Prozent der Gesundheitsausgaben in den Jahren 2020-2050 auf die Behandlung von Krankheiten entfallen, die mit Adipositas in Zusammenhang stehen. Die OECD rechnet damit, dass Adipositas etwa 70 Prozent der Diabetes-Behandlungskosten, 23 Prozent der Behandlungskosten für Herzkreislauferkrankungen und 9 Prozent der Krebs-Behandlungskosten in besagtem Zeitraum verursachen wird.

Problematisch ist vor allem der wirtschaftliche Schaden für die Betroffenen selbst!
Menschen mit Adipositas sind häufig gesundheitlich nicht (mehr) in der Lage in ihrem zuletzt ausgeübten Beruf zu arbeiten oder werden von ihren Arbeitgeber:innen aktiv ermutigt, den Beruf aufzugeben. Zudem sind medizinische Hilfsmittel in Sondergrößen (XXL Rollstühle usw.) oft eine Mehrleistung, welche von den meisten Kassen nicht übernommen wird. In extremen Ausnahmefällen sind sogar kreative Lösungen (Behandlungsplätze in Tierkliniken mit Großtiernutzung, Hebe- und Lastkrähne für den Transport usw.) gefragt, was für Betroffene kostspielig und oft demütigend ist.

Corona

Übergewicht fördert schwere Corona-Verläufe – vor allem bei Jüngeren
Fettleibigkeit und Übergewicht sind nicht nur selbst ungesund, sie befördern auch Krankheiten. Wie US-Forscher jetzt herausfanden, sind stark fettleibige Personen „hochgradig gefährdet“ für schwere Corona-Komplikationen. Adipöse und übergewichtige Menschen mit einer Covid-19-Infektion werden eher ins Krankenhaus eingewiesen als normalgewichtige Personen. Sie haben ein höheres Risiko, beatmet zu werden und auch zu sterben. Das ist das Ergebnis einer Studie des Universitätsklinikums in Dallas (Texas), die auf der Konferenz der „American Heart Association“ vorgestellt worden ist. Demnach konnte der Zusammenhang zwischen Übergewicht und einem hohen Risiko von Corona-Komplikationen vor allem bei Menschen unter 50 Jahren nachgewiesen werden.

Patienten mit BMI ab 40 „hochgradig gefährdet“

Die Studie besagt unter anderem, dass es unter denen wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingewiesenen Personen einen höheren Anteil adipöser Menschen gibt. Im Krankenhaus hätten viele dieser adipösen Patient:innen mit Komplikationen gekämpft. Je mehr Gewicht, desto höher sei das Risiko für eine Beatmung und auch den Tod gewesen. Es wird empfohlen, diejenigen in der schwersten Adipositas-Kategorie III mit einem BMI von 40 oder höher als hochgradig gefährdet anzusehen. Etwa 7% der amerikanischen Bevölkerung fallen in diese Kategorie und sollten bevorzugt geimpft werden, laut dem Studien-Team. Die Autoren räumen ein dass die Studie nicht vollständig erklären kann, warum Adipositas die Ergebnisse verschlechtert. Sie vermuten einen Zusammenhang mit einem Enzym namens ACE2, welches laut den Wissenschaftlern reichlich im Fettgewebe vorhanden sei. Über dieses Enzym dringe der Virus in das menschliche Gewebe ein.

Neurobiologie

Durch Fortschritte im Bereich der Molekular- und Neurobiologie beginnt man heute zu verstehen, wie der komplexe Regelkreis zur Steuerung der Nahrungsaufnahme und des Energiegleichgewichts funktionieren könnte. Ob sich die Erkenntnisse, die meist aus Tierversuchen gewonnen wurden, auf den Menschen übertragen lassen, ist nicht klar. Diskutiert wird auch ein Set-Point-Modell, nach dem das Gewicht bei Abweichungen nach oben oder unten wieder auf einen Grundwert zusteuern soll. Alle diese Informationen werden im ZNS verarbeitet und regulieren den Appetit, den Energieverbrauch, den Hormonspiegel und das Wachstum.

Bisher bekannte relevante biologische Marker sind:

Leptin ist ein langfristig wirkendes Hormon, das in den Fettzellen gebildet wird. Je mehr Fett sich in den Fettzellen befindet, desto höher ist auch die Leptinkonzentration. Primär informiert es das Zentralnervensystem (ZNS), ob der Körper gerade verhungert. Es hemmt auch das Hungergefühl. Die meisten Übergewichtigen scheinen an einer Leptinresistenz zu leiden. Dafür gibt es heute zwei Erklärungen: Einen Defekt im Leptin-Transport über die Blut-Hirn-Schranke und einen defekten Leptin-Rezeptor, der nicht genug sensibel auf die vorhandene Leptin-Menge anspricht.
Insulin wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet. Es reguliert die Glukosekonzentration im Blut. Mäuse, deren Neuronen keine Insulin-Rezeptoren besitzen, leiden unter mildem Übergewicht.
Peptid YY, GLP-1, Oxyntomodulin und Cholecystokinin werden im Darm produziert und verringern das Hungergefühl kurzfristig.
Ghrelin ist ein Peptid, das u. a. im Magen gebildet wird. Es wirkt appetitanregend.

Behandlung von Adipositas

Führend für die (professionelle) Behandlung von Übergewicht sind die S3-Leitlinien. Es gibt hierbei eine Vielzahl verschiedener spezifischer Ausfertigungen. Nennenswert erscheinen dabei vor allem die S3-Leitlinie für Prävention und Therapie der Adipositas (2014); die Evidenzbasierte Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter; die S3-Leitlinie: Chirurgie der Adipositas und viele mehr. Wann eine Adipositas-Therapie aus medizinischer Sicht geboten ist, muss ein Arzt entscheiden. Mögliche Anlässe zur Behandlung sind eine übermäßige Fettansammlung im Bauchbereich, Zusatzerkrankungen durch das Übergewicht (wie Bluthochdruck oder Diabetes), Erkrankungen, die durch Adipositas verschlimmert werden (wie Arthrose) oder auch ein hoher psychosozialer Leidensdruck. Ziel der Behandlung ist eine dauerhafte Verringerung des Körpergewichts.

Im Vorfeld einer Therapie sind nach den offiziellen Leitlinien Adipositas 050/001 der AWMF folgende Voruntersuchungen durchzuführen:

Illustration einer Ärztin mit Stethoskop um den Hals

☑ Körpergröße und -gewicht, Taillenumfang
☑ Klinische Untersuchung
☑ Nüchternblutzucker
☑ Cholesterin, Triglyzeride
☑ Harnsäure
☑ Kreatinin
☑ TSH, fakultativ auch andere endokrinologische Parameter
(z. B. Dexamethason-Hemmtest zum Ausschluss eines Cushing-Syndroms)
☑ Albumin/Kreatinin-Ratio
☑ EKG

Außerdem sollten in einer umfassenden Anamnese (dem Behandlungs-Vorgespräch) folgende Punkte geklärt werden:
> Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsgewohnheiten (mittels Ess- und Bewegungstagebüchern)
> Krankengeschichte (relevante Krankheiten als Ursache für die Adipositas)
> psychischer Zustand (Selbstwertgefühl, Stellenwert des Gewichts für den Patienten)

Therapieansätze und Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas sind:

Behandlungsziele (gemäß Empfehlungen der DAG)

Empfohlen wird grundsätzlich eine kleinschrittige Gewichtsabnahme:

  • Adipositas Grad I: 5–10 % Gewichtsabnahme
  • Adipositas Grad II: 10–20 % Gewichtsabnahme
  • Adipositas Grad III: 10–30 % Gewichtsabnahme

Entscheidend für einen nachhaltigen Therapieerfolg ist eine positive Motivation bzw. der Aufbau einer solchen, dazu zählen:

Vorfreude auf ein gesundes Leben mit mehr Wohlfühlen, Lust an Bewegung, besserem Lebensstil, genussvollem Essen, Einsicht, Erkenntnis, Zielgerichtetheit, Unabhängigkeit, Reife, Freiheit, sozialen Kontakten

Nicht „weg vom Übergewicht“, sondern „hin zum Leben“

Therapeutische Aufgaben sind dann: das Essverhalten und Bewegungsverhalten nachhaltig zu verändern; begleitende Psychotherapie und das Einbeziehen der Partner:in und der Familie

Ernährungstherapie

Damit wir abnehmen, muss unser Körper mehr Energie verbrauchen, als aufgenommen wird. Bei der Ernährungstherapie geht es darum, für jeden Patienten die richtige Diät herauszufinden, die über einen ausreichend langen Zeitraum die Energieaufnahme nachhaltig vermindert. Und das möglichst ohne gesundheitliche Risiken, denn stark kalorienreduzierte Diäten können Nebenwirkungen haben. Deshalb steht vor einer Diät eine gründliche ärztliche Untersuchung an und während der Diät eine regelmäßige ärztliche Kontrolle.

Bewegungstherapie

Mehr Bewegung steigert den Energieverbrauch. Dazu können schon alltägliche Aktivitäten beitragen wie schnelles Gehen oder die Treppen zu nehmen – statt Aufzug oder Rolltreppe. Hinzu kommen angeleitete Trainingsprogramme. Wichtig ist, dass auch hier Risiken vermindert werden und stark adipöse Menschen nur solche Bewegungs- und Sportarten wählen, die die Gelenke nicht zu sehr belasten.

Verhaltenstherapie

Oft wissen wir, was eigentlich gut für uns wäre, und tun es trotzdem nicht. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen können uns hier helfen. Bei Adipositas ist das Ziel einer Verhaltenstherapie, die Verhaltensweisen, die das Übergewicht hervorgerufen haben, zu erkennen und zu verändern. Es geht um Strategien, das Ess-, Einkaufs- oder Bewegungsverhalten zu verändern und zu kontrollieren.

Medikamente

Nur wenn sich nach einer Umstellung auf gesündere Ernährung und mehr Bewegung kein Erfolg eingestellt hat, kommt eine medikamentöse Therapie in Betracht. Etwa, wenn bestimmte Risikofaktoren oder Zusatzerkrankungen vorliegen. Eine solche Behandlung darf nur über ärztliche Verordnung und nur zusammen mit einer Ernährungsumstellung und mehr Bewegung erfolgen – nicht stattdessen.

Operation

Die allerletzte Maßnahme bei schwerer Adipositas sind chirurgische Eingriffe, um das Hungergefühl zu unterdrücken: zum Beispiel eine Magenverkleinerung, ein Magenbypass oder ein Magenband. Nach der Magenverkleinerung bleibt nur noch ein sogenannter Schlauchmagen übrig. Beim Bypass werden große Teile des Magens und des Dünndarms umgangen. Beim Magenband wird eine kleine Magentasche gebildet, indem ein Silikonband um den oberen Teil des Magens geschlungen wird. Nahrung gelangt nur in diese kleine Tasche, die sich schneller füllt als der gesamte Magen, wodurch man insgesamt weniger isst.

Jede Operation ist mit Risiken verbunden. Möglicherweise kann danach der Verdauungstrakt Vitamine und Nährstoffe nur noch eingeschränkt aufnehmen. Deswegen müssen Vor- und Nachteile gemeinsam mit dem Arzt sorgfältig abgewogen werden – und auch hier geht es nicht ohne Umstellung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten.

Auch bei Adipositas: Vorsorge ist am besten

Bei einer ungünstigen Veranlagung oder wenn mehrere Risikofaktoren zusammenwirken, kann Adipositas nicht immer verhindert werden. Wie bei vielen anderen Krankheiten kann die Wahrscheinlichkeit für Adipositas verringert werden, wenn mit Hilfe professioneller Unterstützung durch Psycholog:innen, Ärzt:innen, Therapeut:innen oder Ernährungswissenschaftler:innen gemeinsam die Risikofaktoren vermieden oder vermindert werden können. 

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