Umgang mit Betroffenen

Es ist oft schwierig zu wissen, was zu tun ist, wenn du mit jemandem mit einer Essstörung zusammenlebst. Es ist wahrscheinlich belastend für alle Beteiligten und Konflikte (direkt oder indirekt ausgelebt) an der Tagesordnung. Dieses Klima trägt wahrscheinlich zur Aufrechterhaltung oder Verschlechterung der Gesamtsituation und Erkrankung bei. Hier sind einige Tipps für alle – von Eltern, Großeltern und Geschwistern bis hin zu Partner:innen und Mitbewohner:innen.

  • Mach dich schlau

    Bring zunächst so viel wie möglich über Essstörungen allgemein in Erfahrung (z. Bsp. mit Hilfe dieser Homepage). Lies Fachbücher, wissenschaftliche Artikel und Broschüren (schau mal bei den Downloads oder im News/Forschungs-Feed). Lerne zwischen Fakten und Mythen über die Themen Gewicht, Ernährung und Bewegung zu unterscheiden – das hilft vor allem bei den Diskussionen mit den Betroffenen. Denn Erkrankte sind sehr gut darin, ihre Probleme zu verharmlosen, zu relativieren und wollen diese oft nicht wahrhaben. Wenn du dagegen jedoch konkrete Fakten zum Störungsbild kennst, kannst du gemeinsam mit dem/der Betroffenen gestörte Denkmuster und Verhaltensweisen besprechen und vielleicht zum Nach- oder bestenfalls Umdenken anregen. Gleichzeitig kannst du hinsichtlich der von dir beobachteten Verhaltensweisen viel besser zwischen angemessen und inadäquat unterscheiden und klare Grenzen kommunizieren.

    Es gibt mehr als genug mediale Belege, dass Angehörige, Familienmitglieder und Freunde aus „falscher Hoffnung“ heraus, „dass es mit der Zeit schon wird“ selbst extrem Niedriggewichtige noch in all ihren gestörten Verhaltensweisen (Bergsteigen mit BMI 10kg/m²; der Todesfall der Anorexie-Influencerin Josi Maria usw.) ungewollt unterstützt haben.

  • Sprich es ohne Umschweife an

    Wenn ich eines über die Jahre mitbekommen habe, dann dass sich Betroffene wünschen, dass sie (endlich) darauf angesprochen werden. Nicht weil es sich gut anfühlt oder sie Bock auf eine Veränderung haben, aber vor allem weil es die sie wahrscheinlich quälende Frage „bin ich wirklich krank?“/“brauche ich Hilfe“ helfen kann, zu beantworten. Ermutige die Person also, sich professionelle Hilfe zu suchen. Erkläre ihr, dass es so nicht weitergehen kann aber mach ihr dabei keine Vorwürfe!

    Warte nicht, bis die Situation so ernst ist, dass das Leben deines Kindes, deiner Partnerin oder deines Partners oder deiner Freundin/ deines Freundes ernsthaft in Gefahr ist.

    Irgendetwas zu tun ist immer besser, als nichts zu tun. Aber fühl dich nicht dafür verantwortlich, dass sich die Person auch wirklich Hilfe sucht.

  • Erprobe vorab, was du, wann, wie und wo sagen möchtest

    Sprich konkrete Ideen und Vorstellungen darüber mit „Eingeweihten“ ab. Das kann dir helfen, deine eigene Angst und Scham im Kontakt mit den Betroffenen bzw. die Angst einer möglicherweise (oder sogar wahrscheinlichen) konfliktreichen Auseinandersetzung zu reduzieren. Eventuell ist es hilfreich, sich vorab auch Notizen zu machen. Lege unbedingt eine für dich günstige Zeit und einen passenden „privaten“ Ort für das Gespräch fest. Niemand – auch du nicht – möchte, dass persönliche Probleme vor einer (im schlimmsten Fall sogar fremden) Menschenmenge offenbart werden.

    Und immer beachten: Keep it short and simple! (halt es einfach und kurz)

  • Sei ehrlich, klar und direkt

    Sprich offen, klar und ehrlich über deine Bedenken mit der Person, die aus deiner Sicht mit essgestörten Denk- und Verhaltensweisen zu kämpfen hat. Häufig haben Angehörige oder Eltern selbst Scham- oder Schulderleben bzw. sind ängstlich, das möglicherweise „Offensichtliche“ anzusprechen aus Angst vor Konflikten. Verkompliziere es nicht zusätzlich durch indirekte, versteckte und „schonend gemeinte“ Botschaften sondern formuliere klar und deutlich, welche Verhaltensänderungen du beobachtet hast und was du darüber denkst.

    Beispiel: („In letzter Zeit sehen wir dich oft stundenlang mit dem Hund Gassi gehen; wir glauben du hast ein ernstes Problem mit Bewegungsdrang“).

  • Benutze „Ich-Botschaften“

    Sprich über DEINE Beobachtungen, verzichte auf Interpretationen und bleib bei den konkret von dir beobachteten Verhaltensweisen bzw. Verhaltensänderungen.

    Beispiel: „Ich habe bemerkt, dass du nicht mehr mit uns zu Abend isst“ oder „Wir haben beide festgestellt, dass du seit einigen Tagen jeden Tag ins Fittnessstudio gehst und zudem auch viel länger als sonst“.

  • Nicht anklagen!

    Es ist leider wirklich leicht, in solchen Situationen (hoch) emotional, angespannt und infolge anklagend oder vorwurfsvoll zu klingen. Vermeide das um jeden Preis, da du sonst womöglich dein Gegenüber nur in die Gegenwehr bzw. Defensive drängst.
    Beispiel: „Du isst nicht!“ oder „Du isst viel zu wenig“ oder „Du trainierst zu viel!“.
    Wenn möglich, weise zunächst auch auf Verhaltensweisen hin, die nicht mit dem Essverhalten (und dem Gewicht/ der Figur) zusammenhängen, da dies häufig einen geschickteren bzw. „sanfteren“ Übergang ermöglicht, auf essgestörte Themen überzuleiten.

    Beispiel: „Wir haben seit einigen Tagen den Eindruck, dass du dich zurückziehst; du schaust abends nicht mehr mit uns TV; wir glauben, etwas bedrückt dich.“

  • Halte eigene Emotionen (v.a. deine eigene Ängstlichkeit & Sorge) zurück

    Ich halte diesen Punkt für am Schwierigsten umzusetzen aber auch am Wichtigsten!

    Betroffene von Essstörungen (v.a. Kinder) geben sich ohnehin schon viel zu viel die Schuld für alles möglich und erst recht fühlen sie sich verantwortlich für „negative“ Emotionen z.B. seitens der Eltern (woraus sie dann irrtümlich schließen können, eine Belastung zu sein). Dies führt dazu, dass sich Betroffene dann eher zurückziehen anstelle sich zu öffnen.
    Wenn du also ein schwieriges Thema ansprichst, sei diesbezüglich offen.

    Beispiel: „Wir müssen etwas mit dir besprechen, was wir als schwieriges Thema einordnen, da wir auch überzeugt davon sind, nicht alles zu wissen, was dich betrifft. Wir beobachten seit einigen Tagen, dass du nach den Hauptmahlzeiten grundsätzlich sofort mehrere Minuten im Bad verschwindest und vermuten, dass du dort erbrichst. Wir glauben, du brauchst dringend Hilfe und wollen dich gern unterstützen, damit zurecht zu kommen“.

  • Bleib standhaft! (und cool)

    Weiterhin ist es wirklich wichtig, einerseits konsequent zu sein andererseits aber nicht die Person zu strafen. Will heißen: Vermeide es, Regeln oder Erwartungen aufzustellen, die du am Ende selbst nicht durchsetzen könntest. Vermeide unbedingt, Misserfolge als Kränkung oder Ablehnung/Zurückweisung deiner -hilfsbereiten- Person zu verarbeiten. Betroffene von Essstörung (und seelischen Erkrankungen im Allgemeinen) sind krank und entsprechend zu behandeln (gemeint ist, dass sie sich nicht absichtlich krank verhalten).

    Hüte dich vor allem vor Beziehungsabbrüchen oder negativen Verknüpfungen von Zuwendung: (Beispiel für ein solches no-go) „Wenn du noch einmal erbrichst, rede ich nicht mehr mit dir“ bzw. „wenn du noch einmal dein Essen wegwirfst, dann brauchst du nicht mehr zu mir kommen“.

    Stattdessen: „Ich sehe, dass wir es bisher nicht schaffen, dein Erbrechen einzuschränken. Hast du vielleicht noch eine Idee, was wir verändern können? Sollen wir gemeinsam 60 Minuten nach dem Essen Zeit verbringen?“ bzw. „Wenn du nicht bis Ende der Woche 500g zugenommen hast, bleibt uns leider nichts anderes übrig, als dich in der KJP vorzustellen“.

  • Es gibt keine einfache oder schnelle Lösung!

    Vermeide es unbedingt, „einfache“ Lösungen vorzuschlagen. Betroffene erleben solche Sätze wie „Das ist doch nur eine Phase.“ oder „Iss doch einfach mehr, ist doch nicht so schlimm“ häufig extrem kränkend und fühlen sich nicht (mehr) ernst genommen oder nicht verstanden. Dies führt oftmals dazu, dass sich Betroffene dann (umso mehr) verschließen und (noch) weniger mit ihren Problemen mitteilen.
    Solltest du eine solche Situation in der Familie erleben, kann es helfen, sich dafür zu entschuldigen: „Ich habe deine Situation völlig falsch eingeschätzt und muss mich bei dir entschuldigen. Ich verstehe jetzt, dass es dir wirklich schlecht geht und du vielleicht keine Alternative hast, dich auszudrücken aber ich bin jetzt bereit, dir zuzuhören“.

  • Sei auf negative Reaktionen bzw. (heftigen) Widerstand vorbereitet

    Auch wenn Essstörungen nicht zu den Suchterkrankungen zählen (weil keine körperlichen Entzugserscheinungen nachweisbar sind), so reagieren die Betroffenen oft heftig auf reale oder befürchtete Einschränkungen oder Veränderungen in ihren (gestörten) Abläufen und Routinen. Jeder „Eingriff“ deinerseits bzw. jeder Vorschlag und jede Auseinandersetzung diesbezüglich kann von den Betroffenen als Bedrohung wahrgenommen und bewertet werden – vor allem wenn die Krankheitseinsicht gering ist oder gar fehlt. Problematisch ist hierbei vor allem auch, dass die Betroffenen oft ihren Leidensdruck nicht wahrnehmen, die Angehörigen dagegen sehr .
    Lass dich nicht von negativen Reaktionen irritieren. Du solltest in unserer Gesellschaftsform grundsätzlich davon ausgehen, dass du zu den ersten gehörst, der (ess-)gestörte Verhaltensweisen ansprechen. Entsprechend reagieren die Betroffenen häufig irritiert und du könntest deine Anmerkung dann als unpassend einordnen – erinnere dich: es gibt keinen richtigen Zeitpunkt, bestenfalls einen günstigeren (Menschenmenge usw.).
    In der Schule, auf der Straße, auf der Arbeit, der Uni, beim Sport usw. werden selbst auffällig erscheinende (sehr niedriggewichtige) Betroffene selten angesprochen (eben aus Gründen der Scham und aus Angst vor Reaktionen). Wenn du nicht sofort durchdringen solltest, wiederhole stoisch in den kommenden Tagen deine Ansprachen und schildere deine Eindrücke. Wenn es (erwartungsgemäß) nicht sofort zur Einsicht bei der von dir angesprochenen Person kommt, kann es jedoch sein, dass du mit deinen Rückmeldung einen ersten wichtigen Denkanstoß gegeben hast: So ein „Samen“ schlägt typischerweise nicht sofort Wurzeln, kann aber in Verbindung mit weiteren kritischen Rückmeldungen durch andere mit Sicherheit im Verlauf das Verständnis und Bewusstsein für die eigene Störung befördern und schließlich das Einverständnis zur Behandlung ermöglichen!
    Dennoch sind einige Betroffene auch froh, wenn Sie (endlich) angesprochen werden, da sie – das Krankheitsverständnis vorausgesetzt – oft aus eigenen „Mitteln“ heraus nicht aus zwanghaften/gestörten Denk- und Verhaltensweisen aussteigen können. Es ist im Hinblick auf dem der Störung sehr oft zugrunde liegenden negativen Selbstwerterleben (z.T. „grausames Selbstbild“) viel leichter, etwas „Gutes“ für „jemanden anderes“ zu machen anstelle für sich selbst (z. Bsp. wegen der eigenen Schuldgefühle).

  • Hol dir auch als Angehörige:r Unterstützung!

    Nach wie vor wird die Belastung Angehöriger und Eltern von psychisch Erkrankten noch sehr unterschätzt (v.a. von den Personen selbst!!). Am meisten, weil die gesamte Aufmerksamkeit den Erkrankten gilt und das eigene psychische und physische Wohl völlig zurückgestellt wird. Dies wiederum kann (wie bereits mehrfach beschrieben) die Störung leider begünstigen, da es die Schuldgefühle der Betroffenen verstärken kann (bzw. die Überzeugung, „eine Belastung zu sein“). Ermutige also nicht nur dein Gegenüber dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen sondern geh doch selbst als positives Beispiel mutig voran und sei diesbezüglich ein Vorbild.
    Ich habe bereits mehrfach in der therapeutischen Praxis erleben dürfen, dass v.a. Kinder wesentlich offener für Therapie sind und sich viel leichter damit tun, sich mit Problemen zu öffnen, wenn sie mitbekommen, dass sich die Eltern ebenfalls professionelle Hilfe gesucht haben.

  • Sei der Leuchtturm bzw. Wegweiser:in und Mentor:in

    Was Betroffene am meisten brauchen, ist jemanden der Ihnen sagt, was sie machen sollten, um aus der Störung „rauszukommen“. Sei eine dieser Personen! Biete konkrete Hilfestellungen an (anstelle nur zu betonen, dass es wichtig wäre, sich Hilfe zu holen). Jemand der seelisch erkrankt ist, hat oft kaum noch Ressourcen und Energie, um „klar zu denken“. Hilf am besten konkret bei der Auswahl von Hilfsangeboten mit („schau mal, hier findest du Kontaktinformationen, ruf doch jetzt gleich an“). Hilf bei der Terminfindung und begleite  den oder die Betroffene zu Terminen, wenn er oder sie damit einverstanden ist.

    Rechtzeitig eingeleitete Hilfe verbessert die Chance auf Überwindung der Störung signifikant.

    Wenn du als Betroffene(r), Angehörige(r) oder sie als Eltern spezifischere Informationen benötigen, welche therapeutischen Maßnahmen und Behandlungsmöglichkeiten es gibt, findest du hier mehr Informationen dazu.