Typische Komorbiditäten bei Essstörung

Essstörungen gehen häufig mit einigen psychischen Erkrankungen einher – sogenannten Begleiterkrankungen bzw. Komorbiditäten. Diese Seite gibt dir einen Überblick über Komorbiditäten, die besonders häufig mit Essstörungserkrankungen auftreten.

Es ist – trotz der in den letzten Jahren deutlichen intensivierten Forschungsbemühungen um das Störungsbild – bisher noch völlig unklar, ob Essstörungen Ursache oder Folge der begleitenden psychischen Erkrankungen sind. Es könnte auch sein, dass es gemeinsame Risikofaktoren gibt, die Essstörungen und andere psychische Erkrankungen gleichermaßen begünstigen. Ob zusätzlich eine weitere psychische Erkrankung vorliegt, ist nicht leicht zu erkennen, denn Essstörungen gehen oft selbst mit psychischen Symptomen einher, wie Stimmungsschwankungen, depressive Stimmungslage, Ängste oder Zwänge. Die Diagnose einer psychischen Komorbidität können nur Fachleute stellen. Neben psychischen Erkrankungen können auch extremes Übergewicht und andere körperliche Erkrankungen im Zusammenhang mit einer Essstörung auftreten.

Bei jeder Erkrankung – auch bei Essstörungen – ist es in allererster Linie am wichtigsten zu schauen, welche Symptome vorliegen und ob sich diese zeitgleich durch mehrere Störungsbilder erklären können (die sogenannte Differentialdiagnostik). Denn jede Diagnose ist gleichzeitig immer die existenzielle Behandlungsgrundlage (also konkret: was zu tun ist!). Betroffene benötigen entsprechend dieser Diagnose spezifische Unterstützer:innen und Fachleute aus womöglich ganz verschiedenen Fachrichtungen (zum Beispiel Psychiater:innen, Fachärzt:innen, ambulante Psychotherapeut:innen, Ernährungsfachkräfte, Physiotherapeut:innen usw.).

Wenn zwei Erkrankungen gleichzeitig auftreten, können sie sich im Krankheitsverlauf wechselseitig beeinflussen. Im Verlauf einer Behandlung sollte auch darauf geachtet werden, dass Symptome sich verändern können und zum Beispiel zwar einige Symptome der Essstörung besser werden, dafür aber zum Beispiel die Begleiterkrankung (häufig bei Depressionen) schlimmer.

Die häufigsten Komorbiditäten von Essstörungen in der Übersicht

Affektive Störungen

Eine Zeit lang ist man davon ausgegangen, dass Essstörungserkrankung eigentlich Varianten der Affektregulationsstörungen ausmachen (deswegen im ICD-10 auch unter F5x codiert). Aber inzwischen konnte zigfach belegt werden, dass sie ein eigenständiges und klar abzugrenzendes Erkrankungsbild darstellen.

Die Depression
Eine Depression ist durch eine anhaltend gedrückte Stimmung gekennzeichnet. Meist kommen typische weitere Symptome hinzu, wie Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten, Hoffnungslosigkeit, Desinteresse, Schlafstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Rückzug, Appetitverlust oder auch Steigerung des Appetits. Auf die gesamte Lebenszeit gesehen, erkranken sie im Vergleich zur Bevölkerung 2,5-fach so häufig daran. Auch bei der Bulimie und der Binge-Eating-Störung zählen Depressionen zu den häufigsten Komorbiditäten.

Aber beachte: Eine Depression kann schon vor der Essstörung vorhanden sein, gleichzeitig mit ihr entstehen oder sich in der Folge der Essstörung entwickeln.

Die Depression ist die am häufigsten gemeinsam mit Anorexia nervosa auftretende psychische Erkrankung: so geht die APA unverändert bei 50 bis 75% der Betroffenen von einer begleitenden depressiven Symptomatik aus. Fichter (2005) gibt für anorektische Personen eine Wahrscheinlichkeit von 94% (restriktiver Typ) und 98% (Purging-Typ) an eine Depression zu entwickeln. Viele anorektische Personen weisen dabei bereits im Vorfeld ihrer Essstörungserkrankung eine Depression au: Wietersheim (2008) gibt diese Wahrscheinlichkeit mit 35 bis 40% an. Wie bei der Anorexia nervosa, sind auch von Depressionen mehr Frauen als Männer betroffen (McGrath 1993). Durch Hungern und Mangelernährung kann es zu kognitiven, sozialen und affektiven Veränderungen kommen, die einer Depression ähnlich sind. Medikamentöse Ansätze zur Verbesserung der Symptomatik lassen sich hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bis heute nicht gut belegen. Nach wie vor wird vermutet, dass trizyklische Antidepressive (z. B. Fluoxetin) bei Bulimia nervosa hilft. Allerdings gibt es keine nachgewiesene Wirkung auf die Gewichtsentwicklung.

Wichtig ist noch zu wissen, dass es keine Befunde für eine gemeinsame Ätiologie gibt: Depressive Störungen und Essstörungen können in Familien völlig unabhängig voneinander vererbt werden (Lilenfeld et al. 1998).

Zwangsstörungen

Zwangsstörungen zeigen sich bei Betroffenen ganz unterschiedlich: sie können sich von zwanghaften Gedanken heimgesucht fühlen, von denen sie glauben, sie nicht loswerden zu können (z.B. die zwanghafte Überzeugung, sich jederzeit infizieren zu können). Dann gibt es noch Zwangshandlungen, die wiederholt – nach demselben Schema – vermeintlich ausgeführt werden müssen. Häufig sind das Ordnungs-, Zähl-, Kontroll- oder Waschzwänge.

Insbesondere Patient:innen mit Anorexie nervosa zeigen häufiger zwanghafte Züge oder Verhaltensweisen (Lilenfeld 1998), die neben Depressionen zur häufigsten Komorbidität zählen und bei ca. 25 bis 65% vorhanden. Diese bleiben häufig auch nach der Gewichtsnormalisierung bestehen. Bei Jungen und Männern tritt diese Komorbidität besonders häufig auf. Für anorektische Personen liegt die Prävalenz eine Zwangsstörung auszubilden nach Fichter (2005) bei 56% (restriktiver Typ) und 63% (Purging-Typ). Unter dem Aspekt, dass sich anorektische Personen fast zwanghaft mit dem Thema Essen beschäftigen, scheint ein gemeinsames Auftreten dieser beiden psychischen Störungen naheliegend. Besonders das Zwangsdenken und der Grübelzwang können mit der Essstörung in Verbindung gebracht werden.

In vielen Fällen dient der Zwang dazu, den Betroffenen Sicherheit zu bieten. Das hohe Bedürfnis nach Sicherheit bei zwanghaften Persönlichkeiten wird immer wieder beschrieben (Crombach 1998). Unter bindungstheoretischen Gesichtspunkten könnte demnach angenommen werden, dass Personen mit einer Zwangsstörung kein Urvertrauen zu ihren Bindungspersonen aufbauen konnten. Im DSM-V werden Persönlichkeitseigenschaften wie negative Affektivität und Verhaltenshemmung in der Kindheit beschrieben (Falkai 2015).

Angststörungen

Angst ist ein natürliches Gefühl, das uns normalerweise vor Gefahren und Bedrohungen warnt. Durch das Angstgefühl wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Wir beginnen, die Gefährlichkeit einer Situation und unsere Handlungsmöglichkeiten abzuwägen und geeignete Abwehrmaßnahmen zu treffen. Das können zum Beispiel Reaktionen wie Flucht, Abwarten oder Angriff sein. Ist die Bedrohungssituation vorbei, verschwindet auch die Angst. Anders ist das bei einer Angststörung.

Angststörungen treffen bei Essstörungen ebenfalls häufig auf und werden – je nach Untersuchung – bei bis zu zwei Dritteln der Patient:innen mit Essstörung diagnostiziert. Differenziert nach den verschiedene Ausprägungen der Angststörung treten gemeinsam mit der Anorexia nervosa besonders häufig die Panikstörung (20 bis 31%) und die generalisierte Angststörung (13% bis 49%) auf (Schweiger 2008). Mit Angststörungen werden viele verschiedene Persönlichkeitseigenschaften in Verbindung gebracht, darunter negatives Selbstwertgefühl, negative Affektivität und Trennungsangst in der Kindheit (Falkai et al. 2015).

Eine Angststörung besteht, wenn Angstreaktionen in eigentlich ungefährlichen Situationen auftreten. Die Angst steht in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung. Betroffene erleben die Angst dennoch psychisch und körperlich sehr intensiv. Sie erkennen unter Umständen zwar, dass ihre Angst unangemessen oder unbegründet ist, sie können sie aber nicht ausschalten oder kontrollieren. Die Angsterlebnisse treten immer wieder auf. Dies kann unabhängig von konkreten Auslösern geschehen oder in bestimmten Situationen oder an bestimmten Orten. Menschen mit Angststörungen versuchen dann, diese angstauslösenden Situationen oder Orte zu meiden. In extremen Fällen können Angststörungen dazu führen, dass sich Betroffene völlig zurückziehen.

Man kann zwischen Angststörung mit konkretem Auslöser (Phobien) und ohne Auslöser unterscheiden:
> Beispiele für phobische Störungen sind: Agoraphobie (Angst vor öffentlichen Plätzen und Menschenmassen), Spinnenangst, Flugangst, Höhenangst und die Soziale Phobie. Diese findet sich bei Menschen mit Essstörung am häufigsten.
> Zu Angststörungen ohne konkreten Auslöser gehören Panikstörungen (anfallsartig und von heftigen Körperreaktionen begleitet, wie z.B. Herzrasen, Schwindel, Schweißausbruch usw.) und die generalisierte Angststörung, die im Volksmund auch „Angst vor der Angst“ genannt wird: dabei treten ständig zumeist unbegründete und haltlose Ängste auf, wie z.B. dass angehörigen etwas zustoßen könnte

Meist gehen Angststörungen der Essstörungserkrankung voraus oder bestehen bereits in der Kindheit.

Suchterkrankungen

Die höchste Zahl komorbider Suchterkrankungen weisen dabei Patient:innen mit Bulimia nervosa auf – in dieser Gruppe zeigen verschiedene Studien bei 25% bis 50% Alkohol- und Drogenkonsum als begleitendes Problem auf (Mitchel et al 1985, Lacey et al 1986). Insgesamt liegen die Angaben für die Prävelenz von Suchtproblemen bei 10 bis 50% für Patient:innen mit Essstörung im allgemeinen.

Suchterkrankungen
Inzwischen gibt es zahlreiche Therapien, die auf dem Suchtgedanken als Erklärungsmodell für Essstörungen aufbauen (= Magersucht). Diese Idee kommt denjenigen Betroffenen von Essstörungen entgegen, die den häufig geschilderten unwiderstehliche Drang (engl.: craving) zu Essen mit dem Drang nach Drogenkonsum gleichsetzen. Die ständige Beschäftigung mit Nahrung, das Gefühl des Kontrollverlusts, die Ambivalenz bezüglich der Behandlung und das Rückfallrisiko werden von ihnen als suchtartiges Verhalten interpretiert. Viele Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen orientieren sich an diesem Gedanken und bestärken dadurch ihre Klientinnen in deren Selbsteinschätzung eines Suchtkranken. So formuliert der Bundes Fachverband Essstörungen (1999), ein Zusammenschluss ambulanter Beratungs- und Therapieeinrichtungen, beispielsweise das Ziel, die „Anerkennung von Essstörungen in der Öffentlichkeit als psychosomatische Erkrankung mit Suchtcharakter“ zu fördern. Bei genauerem Hinsehen findet man aber keine Belege für diese Hypothese und schließlich gibt es auch keine körperlichen Suchtreaktionen, keine Toleranzentwicklung und keinen anhaltenden Substanzkonsum, weswegen diese Überzeugung überworfen werden muss.

Die WHO hat 1957 Sucht als „einen Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge“ definiert und vier Kriterien benannt: 1. Ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels, 2. eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung), 3. die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge, 4. die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft.

Das DSM klassifiziert Sucht wie folgt:
Störungen in Zusammenhang mit psychotropen Substanzen“ sind Störungen, die verbunden sind mit der missbräuchlichen Einnahme einer Substanz (inklusive Alkohol), den Nebeneffekten einer Medikation und der Exposition von Toxinen. Es werden 11 Substanzklassen aufgeführt: Alkohol, Amphetamine oder ähnlich wirkende Sympathomimetika, Koffein, Cannabis, Kokain, Halluzinogene, Inhalantien, Nikotin, Opioide, Phencyclidine (PCP) oder ähnlich wirkende Arylcyclohexylamine und Sedativa, Hypnotika oder Anxiolytika.

Sowohl das ICD-10 als auch das DSM-5 beschreiben das Abhängigkeitssyndrom anhand der folgenden Kennzeichen:
1. Starker Konsumdrang
2. Kontrollverlust
3. Toleranzentwicklung
4. Körperliche Entzugssymptome
5. Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums.
6. Anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen

ADHS

Menschen mit ADHS (Aufmerksamkeits- und/oder Hyperaktivitäts-Syndrom) leiden signifikant häufiger an Essstörungen als Menschen ohne ADHS. Betroffene von Essstörungserkrankungen haben ein doppelt so hohes Risiko, ein ADHS zu entwickeln, wie Gleichaltrige ohne Essstörung. Umgekehrt zeigt sich bei Personen mit ADHS ein dreifach erhöhtes Risiko für eine Essstörung.

Entstehung (neurobiologisch)

Bei Aufmerksamkeitsstörungen (oder ADHS) besteht eine Stirnhirnunterfunktion mit Reizfilterschwäche. Dadurch gelangen zu viele Informationen ungefiltert in das Gehirn, die alle eine neuronale Spur hinterlassen und mit der Zeit viele kleine Nervenbahnen anlegen. So entsteht ein weit verzweigtes lockeres, aber viel zu feines neuronales Netz. Die Reizüberflutung erschwert die Entwicklungvon dichten, fest verankerten Lernbahnen, die eine schnelle Weiterleitung von Informationen ermöglichen.

Zusätzlich besteht immer ein Mangel an verschiedenen Neurotransmittern, infolge der Informationsaustausch zwischen Arbeits- und Langzeitgedächtnis beeinträchtigt ist. Infolge kann Gelerntes und gewünschtes Verhalten nicht immer an der richtigen Stelle des Langzeitgedächtnisses schnell und korrekt genug abgespeichert und wieder abgerufen werden. Das konstante Aufrechterhalten von Konzentration und Daueraufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum ist erschwert und interessenabhängig. Diese Symptomatik kann mit der Zeit Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz der Betroffenen beeinträchtigen, da sie immer wieder viele Enttäuschungen erfahren, denen sie hilflos ausgesetzt sind, was die Entstehung einer Essstörung begünstigen kann.

Symptome

> schlechte Daueraufmerksamkeit bei erhöhter Ablenkbarkeit und Vergesslichkeit
> äußere oder auch nur innere Unruhe
> impulsive Reaktionen und Schwierigkeiten, die Gefühle zu steuern
> gesteigerter oder verminderter Antrieb mit geringer Zielstrebigkeit, je nach ADS-Typ
> Schwierigkeiten, den Tagesablauf zu strukturieren und Termine einzuhalten
> unter Stress schneller Leistungsabfall und Verlust der Selbstkontrolle
> spontanes und unüberlegtes Reagieren, nicht aus Fehlern lernen können
> Einschlafprobleme durch häufiges Grübeln, immer zu vielen Gedanken im Kopf
> beeinträchtigte Fein- und Graphomotorik
> ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Stress
> sich schnell unverstanden und ausgegrenzt fühlen
> wenige, aber intensive freundschaftliche Beziehungen
> andauerndes Gefühl, „unterhalb der eigenen intellektuellen Möglichkeiten zu sein“
> geringes Selbstvertrauen & Versagensängste
> ADHS Diagnose in der Familie

PTBS

Posttraumatische Belastungsstörungen treten häufiger bei Patient:innen mit Bulima Nervosa auf als bei anorektischen Patient:innen (Lilenfeld et al. 1998). Es wird dabei immer wieder eine Verbindung zu erlebtem Missbrauch, Misshandlung oder intensiver Gewalt gefunden. Verschiedene Studien belegen, dass 60% bis 85% mit einer Borderline-Störung, sexuelle Gewalt in der Kindheit erfahren haben. Patient:innen mit schweren dissoziativen Identitätsstörung bzw. multiple Persönlichkeiten sind zu über 90% in der Kindheit sexuell missbraucht worden.

Entstehung

Eine Posttraumatische Belastungsstörung kann prinzipiell in jedem Lebensalter entstehen. Auslöser ist/sind ein Ereignis oder regelmäßige Ereignisse, die so bedrohlich sind, dass sie die individuelle Bewältigungsmöglichkeiten der erlebenden Person übersteigen. Zentral bei der Entstehung ist dabei die unzureichende Verarbeitung des Geschehenen im Gehirn. Das Erlebte geht mit Gefühlen von Lebensgefahr und Hilflosigkeit einher und hat so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltbild zur Folge.

Symptome

Typische Merkmale einer Posttraumatische n Belastungsstörung sind das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashback, auch Intrusion genannt). Diese sind gekennzeichnet von einer Reaktivierung der traumatischen Situation mit begleitenden Bildern, Worten, Affekten, Körpersensationen oder Gerüchen.

Intrusionen sind keine Erinnerungen, sondern Reaktivierungen, an denen das Amygdalasystem maßgeblich beteiligt ist. Die Reaktivierung kann durch vielfältige Art und Weise erfolgen: Durch Geräusche, durch Gerüche, durch Ähnlichkeiten mit Tätern, z.B. durch Stimmen oder Gesten des Gegenübers und vieles andere mehr. Traumatisierte mit einer Posttraumatische n Belastungsstörung sind in der Situation wieder drin, rutschen ab, brechen ein und haben Mühe, den Kontakt zur gegenwärtigen Realität aufrechtzuerhalten. Sie treten häufig auch in Zeiten der Ruhe oder Reizarmut, z. B. vor dem Einschlafen, auf, oder manifestieren sich als Alpträume, in denen das traumatische Ereignis kaum oder gar nicht verändert wird und wieder durchlebt wird.

Bei dissoziativen Flashbacks erleben Patienten und Patientinnen häufig qualvolle Ängste aus lebensbedrohlicher Not oder schmerzende Körperempfindungen, ohne das traumatisierende Ereignis direkt erinnern zu können. Dies ist Folge der gestörten Hippokampusfunktion, das ein episodisches Erinnern verhindert. Intrusionen können sich steigern bis zu quälenden Hypermesien, also nicht abschaltbaren Erinnerungen, die fast ständig präsent sind oder leicht angetriggert werden können. Andererseits erleben Traumatisierte mit Posttraumatische n Belastungsstörung häufig eine allgemeine Abflachung von Reagibilität (Reaktionsfähigkeit, auch Konstriktion genannt). Sie fühlen sich gefühlsmäßig dumpf, stumpf und schwingungsarm. Dies macht ein Gefühl von Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen, das Gefühl bodenloser Einsamkeit, Leere, das Gefühl, eine eingeschränkte Zukunft zu haben.

Weitere typische Symptome von Menschen mit einer Posttraumatische n Belastungsstörung sind: Ein- und Durchschlafstörungen, Reizbarkeit oder Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, übermäßige Wachsamkeit, übertriebene Schreckreaktionen.

Schizophrenie

Die Häufigkeit von Schizophrenien bei Anorexia nervosa wird mit 2,5 bis 10% angegeben (Herzog et al. 1992; Hsu 1990). Das Lebenszeitrisiko liegt bei 6,5% (Deter und Herzog 1995).

Persönlichkeitsstörungen

Häufig leiden Betroffene von Essstörung zusätzlich auch an einer Persönlichkeitsstörung. Dies betrifft vor allem diejenigen mit einer Anorexia oder Bulimia nervosa oder mit Binge-Eating (quasi die „big three“). Lacey (1995) unterscheidet dabei noch in solche mit und ohne „multi-impulsivem“ Verhalten, die in seiner Stichprobe ca. 30% der bulimischen Patient:innen ausmachten. Dabei beobachtete er ein signifikant erhöhtes Ausmaß einer gestörten Impulskontrolle, infolge die Betroffenen zu autodestruktiven und Sucht-Verhaltensweisen neigten. Diese Gruppe zeigte zudem am häufigsten depressive Symptome und delinquentes Verhalten.

Als Persönlichkeitsstörungen werden extreme Ausprägungen eines Persönlichkeitsstils bezeichnet, die mit starren Verhaltensmustern einhergehen und in unterschiedlichen Situationen immer wieder auftreten. Das Verhalten oder Empfinden der Menschen mit Persönlichkeitsstörungen weicht deutlich von den Erwartungen ihrer Mitmenschen ab, was häufig zu gravierenden Problemen in der Beziehungsgestaltung führt, weswegen R. Sachse den weitaus moderneren Begriff der Beziehungsstörungen geprägt hat. Die modernen Klassifikationssysteme unterscheiden dabei in verschiedene Arten von Persönlichkeitsstörungen:

> Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung, die durch Überkorrektheit, Perfektionismus und übertriebene Genauigkeit gekennzeichnet ist und sich am häufigsten bei Anorexia nervosa findet

> Die emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, die als Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) bezeichnet wird, findet sich am häufigsten bei Bulimia nervosa. Sie ist gekennzeichnet durch heftige Stimmungsschwankungen, selbstverletzendem Verhalten, gestörter Identitätsentwicklung sowie komplexe Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung (Nähe-Distanz-Problematik).

> Die histrionische Persönlichkeitsstörung, die sich in etwa in gleichem Ausmaß bei Anorexia und Bulimia nervosa findet, ist gekennzeichnet übermäßiger Emotionalität und theatralischem/ extravertiertem Verhalten.

> Die ängstlich-vermeidende oder selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, wonach sich Betroffene selbst oftmals als minderwertig und unattraktiv einschätzen und erheblich sozial gehemmt auftreten.

> Zunehmend häufiger wird auch der weibliche Narzissmus als Einflussfaktor von Essstörungserkrankung diskutiert, die Forschungslage ist aber noch wenig aussagekräftig.

Autismus

20 bis 30 Prozent der erwachsenen Patient:innen und etwa 3 bis 10 Prozent der Kinder mit Anorexia nervosa zeigen autistische Züge oder weisen eine Autismus-Spektrum-Störung auf.

Den Begriff „Autismus“ verwandte erstmals der Psychiater Eugen Bleuler (1911), um ein zentrales Symptom bei Schizophrenie im erwachsenen Alter zu beschreiben. Bleuler versuchte das Verhalten des Kranken zu beschreiben, der sich von seiner Umwelt abwendet und sich auf sein Selbst (autos = selbst, griechisch) zurückzieht. Der Kinderpsychiater Leo Kanner (1943) beobachtete über fünf Jahre eine Gruppe von 11 Kindern, bei denen er eine „Störung des affektiven Kontakts“ feststellte. Später prägte er den Begriff: early infantile autism, der ins Deutsche übersetzt wurde als frühkindlicher Autismus (Pschyrembel, 1994).

Etwa zur gleichen Zeit (1943/44) lenkte auch der Wiener Pädiater ASPERGER sein Augenmerk auf Kinder mit eben diesen Kontaktstörungen und dem Erscheinungsbild des In-sich-zurück-gezogen-seins. Er prägte den Ausdruck: “autistische Psychopathie“. (Kehrer 1995). Heute hat sich in Deutschland das Wort „Autismus“ für dieses Syndrom durchgesetzt. Die Ursachen sind noch immer nicht eindeutig geklärt.

Die Erscheinungsformen des Autismus-Spektrums gehörten nach den bis Ende 2021 geltenden Diagnosekriterien der WHO (ICD 10) zu den „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ und wurden unter F84 als medizinische Diagnosen definiert. Unterschieden wird nach diesen Formen:
> Frühkindlicher Autismus
> Atypischer Autismus
> Asperger-Syndrom, welches die häufigste Form darstellt als Komorbidität bei Essstörungen

Symptome

Die Verarbeitungsprozesse im Gehirn verlaufen neurologisch bedingt anders. Diese andere Informationsverarbeitung hat Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Symptome zeigen sich u.a. in unterschiedlichem Ausmaß und in Abhängigkeit vieler Faktoren in folgenden Bereichen:

> eine andere Wahrnehmungsverarbeitung (u.a. eine hohe Sensibilität, Probleme mit dem Filtern von Reizen und der Gefahr von Reizüberflutungen bis hin zur Handlungsunfähigkeit)
> Probleme mit der wechselseitigen Kommunikation und in Bezug auf das Sozialverhalten
> eine andere Art der Aufmerksamkeitssteuerung
> besondere Interessen
> teilweise Probleme im motorischen Bereich
> Festhalten an vertrauten Handlungsplänen, Routinen und Ritualen 
> teilweise sich wiederholende Verhaltensweisen
> Probleme mit unvorhergesehenen Veränderungen

Menschen im Autismus-Spektrum haben viele Fähigkeiten, sofern die jeweils individuellen Entwicklungs-, Lern-, Arbeits- und Lebensbedingungen und die jeweiligen Kontaktpersonen auf diese spezifische Art der Informationsverarbeitung eingestellt sind. Stimulationen, Verweigerung, impulsives und aggressives Verhalten, Rückzug und Rituale sind oft „Überlebensstrategien“ bei Überforderungen.

Manchen autistischen Menschen gelingt es, sich mit einem hohen Energieaufwand über einen gewissen Zeitraum an die Erwartungen ihres Umfelds anzupassen. Länger anhaltende Erschöpfungszustände bis hin zur völligen Handlungsunfähigkeit (manchmal über mehrere Tage anhaltend) können die Folge sein. Hier wird die Essstörungserkrankung als dysfunktionale kompensatorische Gegenregulation (zur Reduktion der Anspannung) eingeordnet.

Bei allen autistischen Erscheinungsformen können Überforderungssituationen, von anderen teilweise nicht bemerkt, zu schweren, auch länger anhaltenden Krisen führen: U.a. mit Angst- und Panikzuständen, völliger Handlungsunfähigkeit, Rückzug von sämtlichen persönlichen Kontakten, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Burnout oder aber Aggressionen gegen sich selbst oder gegen andere.

Adipositas

Als Adipositas wird starkes Übergewicht durch einen übermäßig hohen Anteil von Körperfett bezeichnet. Der Body-Mass-Index (BMI) liegt dabei bei mindestens 30 kg/m². Adipositas vermindert die Lebensqualität und kann zu verschiedenen Folgeerkrankungen führen. Menschen mit einer Binge-Eating-Störung sind häufig adipös. Es gibt offenbar eine enge Verbindung zwischen Adipositas und einer Binge-Eating-Störung.

Es wird derzeit viel diskutiert, ob eine Binge-Eating-Störung Ursache oder Folge von Adipositas ist.

Studien konnten belegen, dass etwa 60 % der therapieresistenten Adipositas-Patienten ein komorbides ADHS haben. Zudem ist häufig auch bei den Eltern betroffener Kinder eine ausgeprägte Adipositas zu beobachten. Adipositas wird als ein starker Risikofaktor für zahlreiche metabolische Störungen angesehen. Eine frühzeitige wirksame Therapie der Adipositas ist daher erforderlich. Aufgrund der Komorbidität mit ADHS sollte bei Adipositas in der Familie immer ein ADHS ausgeschlossen werden, da mit einer medikamentösen Behandlung auch das impulsive Essen gemindert werden kann. Die Nebenwirkung der ADHS-Therapie — Appetitmangel — wäre hier ein erwünschter Nebeneffekt.

Psychiatrische Komorbiditäten

Menschen mit einer Essstörung haben ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen und psychiatrische Störungen. Aktuelle Forschungen vermuten, dass 55 bis 97% der Menschen, bei denen eine Essstörung diagnostiziert wurde, auch eine Diagnose für mindestens eine weitere psychiatrische Störung erhalten. Zu den häufigsten psychiatrischen Störungen, die gleichzeitig mit Essstörungen einhergehen, gehören affektive Störungen (z. B. schwere depressive Störung), Angststörungen (z. B. Zwangsstörungen, soziale Angststörungen), posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen (z. B. Borderline-Persönlichkeitsstörung), sexuelle Störungen, Selbstverletzung und Suizidalität. Suizidalität kommt bei Menschen mit Essstörungen signifikant häufiger vor als bei der Allgemeinbevölkerung. Neuere Forschungen haben ergeben, dass Menschen mit Anorexia nervosa 31-mal häufiger Selbstmord begehen. Die Suizidrate ist bei Menschen mit Bulimia Nervosa 7,5fach erhöht.

Medizinische Begleiterkrankungen

Viele medizinische Folge sind eindeutig einer Essstörung zuzuordnen, wie zum Beispiel die Osteoporose (Knochenschwund). Bei anderen Begleiterscheinungen ist das nicht so eindeutig zuzuordnen und bleibt Schwerpunkt zukünftiger Forschungsarbeiten. Die folgenden Komplikationen haben eine erhöhte Prävalenz bei Menschen mit einer Essstörung gegenüber Allgemeinbevölkerung (eine Auswahl; Details findest du auf den jeweiligen Seiten der Störungs-Subtypen):

· Typ-1- und Typ-2-Diabetes
· Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS)
· Osteopenie und Osteoporose
· Hypotonie
· Magen-Darm-Probleme
· Gelenkschmerzen
· Kopfschmerzen und Migräne
· Menstruationsbeschwerden

Menschen mit Anorexia nervosa eine fünfmal höhere Sterblichkeitsrate haben als die Allgemeinbevölkerung.
Menschen mit Bulimia nervosa sterben mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% vorzeitig.

Lass dir helfen!

Wenn du der Meinung bist, dass du oder jemand, der dir wichtig ist, an einer typischen oder atypischen Anorexia nervosa leidet, ist es wichtig, so schnell wie möglich Hilfe zu suchen. Trotz einer erfolgreichen Behandlung kann es zu Rückfällen kommen. Die Nachsorge  oder begleitende Unterstützung bei einer laufenden Behandlung ist wichtig. Falls du Beratung zu dem Thema wünschst, kannst du hier einen Termin anfragen:

Beratungstermin

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