Mythen vs. Fakten über Essstörungserkrankungen

Es gibt ja einige Vorstellungen in Zusammenhang mit dem Störungsbild – sowohl bei den Betroffenen selbst aber vor allem auch im Umfeld der Erkrankten.

Auf dieser Seite schauen wir uns mal eine Auswahl typischer Aussagen und Vorstellungen an und ordnen ein, ob sie Quatsch sind oder eben nicht.

Wie solltest du denn mit dem Thema Essstörung allgemein umgehen?

Grundsätzlich gilt für Nicht-Betroffene:

  1. Sprich das Thema direkt, ohne Umschweife, dabei aber höflich und bestimmt an („Da mir deine Gesundheit am Herzen liegt, habe ich auch das Recht und die Verpflichtung nachzufragen, was mit dir los ist“)
  2. Sei ehrlich – wenn du nicht weißt, worum es bei der Erkrankung geht, dann gib es offen zu.
  3. Stelle Fragen (z. Bsp. „warum hast du das Gefühl, du müsstest dich nach dem Essen bewegen“ oder „was genau findest du denn ekelhaft am Essen?“)
  4. Bleib cool! (auf keinen Fall vorwürflich reagieren. Wenn dein Gegenüber nicht darüber reden möchte, wirst du es auch nicht mit Gewalt erzwingen können)
  5. Gestehe dir Pausen zum Recherchieren ein! Wenn dein Gegenüber mit Fakten kommt, die sich nicht sofort überprüfen lassen, gestehe dir Zeit ein, das nachzuholen! („Okay, das weiß ich gerade auch nicht – ich werde mich darüber informieren“).
  6. Halte dich mit Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen zurück! („Andere essen viel mehr / viel weniger“).

Grundsätzlich gilt für Betroffene:

  1. Sprich über das, was dich beschäftigt – am besten mit Profis.
  2. Halte dich von Ratgebern fern, die dein Problem intensivieren (Instagram, TikTok, Meta, Pro-Ana; Pro-Mia usw.)
  3. Bleib cool! Auch wenn es schwer ist, schließlich ist sowieso schon alles kompliziert. Wenn du dich nicht ernst genommen oder verstanden fühlst, dann sicherlich, weil es so ist!
  4. Mach dir klar, dass du an einer ernsthaften gesundheitsgefährdenden kognitiven Störung erkrankt bist.
  5. Such dir Hilfe. Je früher desto besser.

Die Mythen:

  • Mythos: Essstörungen sind keine schweren Krankheiten.

    Ein fataler Irrtum, denn: Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-Eating-Störung und andere Subtypen sind sehr reale und sehr ernste psychische Erkrankungen. Jedes dieser Störungsbilder hat eindeutige diagnostische Kriterien (ICD-11; DSM-V) und wird international zunehmend als weltweite gesundheitliche Bedrohung ernst genommen. Trotz moderner Medizin gehen auch aktuelle Untersuchungen weiterhin von bis zu 20% Todesfallraten in diesem Störungsbild aus. Anorexia nervosa hat die höchste Sterblichkeitsrate aller psychiatrischen Erkrankungen. Tatsächlich sterben Betroffene im Alter von 15 bis 24 Jahren 12-mal häufiger an der Krankheit als jede andere Todesursache.

  • Mythos: Essstörung betrifft doch nur Mädchen.

    FAKT: Auch wenn zum Beispiel Anorexia nervosa überwiegend den weiblichen Teil der Bevölkerung betrifft, sind bei anderen Sub-Typen (z. Beispiel Binge Eating Störung) mindestens genauso viele Jungen und Männer betroffen. Im Prinzip kann jeder eine Essstörungserkrankung entwickeln.

  • Mythos: Der/Die will doch nur Aufmerksamkeit!

    Fakt: Im Ernst. Der Satz an sich ist schon Unfug, weil das auf 100,00 Prozent der Weltbevölkerung zutrifft. Demnach kann es bei einer komplexen, tiefgreifenden psychischen Erkrankung ja nicht darum gehen, DASS jemand Aufmerksamkeit will. Natürlich kann man die Essstörungserkrankung auch als Ausdruckserkrankung sehen (das mache ich als erfahrener Berater zum Beispiel auch), aber dysfunktionale (also schädliche) Kommunikation ist nur eines der vielen Elemente des komplizierten Störungsbilds. Es wäre zu verharmlosend es darauf zu reduzieren. Wenn überhaupt lässt sich also sagen: Diese Art, Aufmerksamkeit zu erhalten, ist ungünstig, da sie sehr oft missverstanden und fehlinterpretiert wird.

    Viel häufiger ist, dass die Reaktionen auf das Störungsbild ungünstige bzw. schädigende und das Störungsbild aufrechterhaltende oder verschlimmernde Aufmerksamkeit im Umfeld auslöst, auf welche die Betroffenen gar nicht abzielen (Vorwürfe, Beziehungsabbrüche oder Drohungen). Betroffene sollten sich immer Unterstützung holen.

  • Mythos: Essstörung? Das sind doch die ganz dünnen oder die, die ständig kotzen?

    Fakt: Nein. Im Gegenteil. Während in der Wissenschaft derzeit Prävalenzraten von 0,5-3 Prozent für Anorexia nervosa bzw. Bulimia nervosa diskutiert werden, sind es bei der Binge-Eating-Störung bereits schon bis zu 5%. Nimmt man dann die Zahlen der Adipositas Gesellschaft hinzu, die davon ausgehen, dass 2/3 der Männer und ca. die Hälfte der Frauen in Deutschland übergewichtig sind (und ca. 1/4 sogar adipös) können wir also davon ausgehen, dass im Prinzip einer von vier Deutschen zumindest teilweise Symptome einer Essstörungserkrankung aufweist.

  • Mythos: Essstörungen sind doch nur eine Phase

    Fakt: Nein. Auch wenn eine Großzahl der Betroffenen dieses Störungsbild erstmalig in der frühen Jugend/Adoleszenz entwickelt, also in dem Zeitraum wo (eigentlich) die Pubertät liegt, wird dieses Störungsbild oft als pubertäre Phase verstanden – ein fataler Irrtum, der oft dazu führt, dass Betroffene viel zu spät in passende professionelle Behandlungssysteme kommen. Zudem führt diese Fehleinschätzung oft zu gravierenden Familienkonflikten und Schuldgefühlen bei allen Beteiligten.

  • Mythos: Essstörung ist hausgemacht (bzw. Essstörung haben sich die Leute doch selbst ausgesucht)

    Fakt: so etwas wie einen fancy – Störungskatalog in dem man blättert, um sein Umfeld damit mal richtig schön zu nerven, gibt es nicht. Allein diese Art der Aussagen können schon als ein Bedingungs- und Einflussfaktor für diese Erkrankung gesehen werden. Inzwischen ist klar, dass es ein multifaktorielles Entstehungsmodell gibt, heißt: eine Mischung aus Genetik (bis zu 60%), Persönlichkeitsentwicklung, familiären Umfeld (Kommunikation!) und Lernerfahrungen/Umgebungsvariablen (geringer Faktor).

  • Mythos: Essstörung hat spezifische Auslöser

    Fakt: In der Therapie wollen Betroffene (und Angehörige) oft den einen Auslöser identifizieren (dahinter steckt oft eine kindlich-naive Vorstellung, es dann zukünftig vermeiden zu können). Leider gibt es so etwas nicht. Da es sich bei der Essstörungserkrankung um eine tiefgreifende und komplexe psychische Erkrankung handelt, ist davon auszugehen, dass sie sich über Jahre schleichend entwickelt – auch wenn bestimmte Symptome scheinbar plötzlich auftreten können (plötzlich rapider Gewichtsverlust, oder Beginn von Purging).

    In der modernen Betrachtung der Hintergründe, werden immer mehr eine genetische/neuro-biologische Ursache und spezifische essgestörte Denk- und Verarbeitungsmuster des Gehirns diskutiert: Essstörung = Denkstörung.

  • Mythos: Die Eltern sind Schuld (zum Beispiel die Arbeitszeit, Trennung usw.)

    Fakt: In den allermeisten Fällen lässt sich das klar ausschließen. Grundsätzlich lässt sich vereinfacht sagen: Eltern haben Einfluss auf den Verlauf und die Entwicklung dieses Störungsbildes, sind aber nicht dafür verantwortlich, dass es sich überhaupt erst entwickelt (und demnach auch nicht, dass es wieder aufhört!!!).

    Um es mal klar zu machen: Kinder, die dazu neigen, eine Essstörung entwickeln zu können, verarbeiten das Erlebte schlicht und ergreifend anders als andere Kinder (zum Beispiel Geschwister). Sie überfokussieren und selektieren bestimmte Inhalte (Detail- oder Hyperfokus) und speichern und verknüpfen Informationen anders. Dadurch bilden sich womöglich ungünstige Ideen, die eben diese Kinder auch zu wenig nach außen mitteilen (bevorzugte Verarbeitungsmethode: mit sich selbst ausmachen). Dies ist dann ein Nährboden für selbstwertschädigende Gedanken, welche von der gesamten Familie dann lange gar nicht bemerkt werden (können).

  • Mythos: Dann können wir Eltern also auch nichts dagegen tun?

    Fakt: Selbstverständlich. Eltern haben ja Einfluss. Aber bevor sie ihr Kind unterstützen können, sollten sich Eltern fachkundige Unterstützung holen und sich gut informieren. Da auch Kinder von Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen, Pfleger:innen und Ernährungsfachkräften eine Essstörungserkrankung entwickeln können, sollte klar sein, dass Eltern niemals die Behandler:innen sein können!

    Warum? ist doch klar: Sie sind viel zu emotional involviert. Die Gefahr, dass es zu moralischen Vorwürfen und hitzigen Vorwürfen kommt oder unangemessene Konsequenzen durchgesetzt bzw. angemessene Konsequenzen nicht durch gesetzt werden (zum Beispiel kranke Kinder nicht mehr in die Schule lassen) ist viel zu hoch. All dies gefährdet die Überwindung. Holen sie sich als Familie Hilfe.

  • Mythos: wenn der/die Betroffene nicht einsichtig ist, sind wir machtlos.

    Fakt: Das kommt darauf an. Je nach Gefährdungsgrad (zum Beispiel Gewicht, medizinische Begleiterscheinungen) haben Angehörige die Möglichkeit, sich an den Sozialpsychatrischen Dienst zu wenden (Telefonnummer je nach PLZ findet sich im Internet). Die Kolleg:innen vom SPD machen dann ggfs. Hausbesuche und überzeugen sich selbst von der Situation. Je nachdem sind diese dann auch juristisch befugt, Maßnahmen – mithilfe von Ordnungsbeamten – durchzusetzen (Akuteinweisung). Eine weitere Alternative ist das Installieren einer gesetzlichen Betreuung für Gesundheitsfragen, mit dem Aufenthaltsbestimmungsrecht. Diese juristische Person kann auch Einweisungen in eine Klinik – auch gegen den Willen der Betroffenen – durchsetzen.

  • Mythos: Normalgewichtige sind doch nicht so krank

    Fakt: Es wäre schön, wenn das so leicht wäre. Die meisten Patient:innen mit Anorexia nervosa leiden auch mit Erreichen der unteren Normalgewichtsgrenze noch an den meisten kognitiven Problemen (Körperbildstörung, Zunahme-Ängste, Zwangsgedanken usw.). Dies liegt zum einen daran, dass viele selbst mit BMI 18,5kg/m² noch im Untergewicht liegen und zum anderen, dass erst mit erreichtem Zielgewicht so richtig gehaltvoll an den eigentlichen Belastungsfaktoren therapeutisch gearbeitet werden kann.

  • Mythos: Essgestörte werden doch nie gesund

    Fakt: Auch wenn es ein hohes Maß an genetischen Einflussfaktoren gibt (also einen Anteil, den Betroffene nicht direkt beeinflussen können), ist ein anderer Teil willentlich veränderbar. Es ist ganz sicher nicht einfach, eine psychische Erkrankung zu überwinden aber mit der richtigen Unterstützung durchaus möglich. In der Forschung werden Remissionsraten (also „Heilung“) von über 40% diskutiert. Demgegenüber stehen entsprechend die Todesfallraten, die hohe Chronifizierung und eine Vielzahl von Therapieabbrüchen und Rückfällen (Rezidiven).

  • Mythos: Bei Essstörungen geht es doch immer nur ums Essen!

    Fakt: Nein. Letzten Endes ist die gedankliche Einengung auf die Themen Essen, Figur, (Bewegung) und Gewicht lediglich eine Verschiebung weg von den eigentlichen psychologisch relevanten Themen. Das können tief sitzende Überzeugungen der eigenen Unzulänglichkeit sein (Selbstwertstörung) oder andere emotionale Krisen, wie Depressionen, Zukunfts- oder Versagensängste oder Entwicklungsstörungen. Während es zwar wichtig ist, zunächst die Kernsymptome aufzulösen (also Gewichtszunahme, kein Erbrechen mehr, übertriebene Bewegung einstellen, Essanfälle aufhören usw.) sollte es im Anschluss und darauf aufbauend immer um die eigentlichen Kern Themen gehen.

  • Mythos: Bulimie? Das ist doch da wo so viel gekotzt wird?

    Fakt: Ja. Es kann eventuell auch das Erbrechen zum Symptombild gehören. Ist aber nicht das zentrale Element. Tatsächlich setzt die Diagnose Bulimia nervosa immer Essanfälle (Essattacken) voraus. Aus der anschließenden Angst vor Gewichtszunahme heraus, versuchen Betroffene dann aktiv dagegen zu regulieren. Eine Möglichkeit wäre das Erbrechen. Aber viel häufiger gehen die Betroffenen in längere Phasen restriktives Essen über, die sie dann nur eine gewisse Zeitlang aushalten. Der resultierende Heißhunger provoziert dann erneute Essanfälle, die sie häufig zusätzlich – mittels Diuretika, Appetitzüglern oder exzessivem Trinken – versuchen auszubremsen. Weitere Korrekturmöglichkeiten sind neben dem Hungern und Erbrechen auch exzessiver Sport oder das purgen (reinigen = Abführmittel missbrauchen).

  • Mythos: Alles Schuld der modernen Medien!

    Fakt: Nein. Auch wenn es diverse wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass es in Kulturen oder Regionen mit wenig medialem Kontakt deutlich weniger Betroffene von Essstörungen gibt, so haben Medien einen Einfluss – allerdings fast ausschließlich nur auf diejenigen, in deren Köpfen bereits essgestörte Kognitionen reifen. Es ergibt sich also ein sogenannter Multiplikator Effekt. Instagram zum Beispiel nutzt die Empfänglichkeit und Beeinflussbarkeit bestimmter jungen Mädchen und Frauen gezielt aus und filtert gezeigtes Material zunehmend in Richtung belastender Inhalte, wie eine whistleblowerin Anfang 2022 veröffentlichte.

  • Mythos: Fetthaltige Cremes machen dick.

    Fakt: Auch wenn die Haut in der Lage ist, Inhaltsstoffe aufzunehmen, ist das nicht mit den Nährstoffen aus dem Essen zu vergleichen. Selbst wenn jemand auf die Idee käme, Fett- oder Ölbasierte Lotions oder Cremes zu essen (denn es muss in den Magen, um verdaut zu werden!), würde das aufgrund von Unverträglichkeit wahrscheinlich eher Durchfälle auslösen. Bitte nicht ausprobieren 😉

    Nein. Einfach nein.

  • Mythos: Können Medikamente dick machen?

    Fakt: Ich behaupte, dieser Satz kommt in jeder Therapie mit essgestörten Patient:innen mindestens einmal vor. Und die Antwort lautet JEIN! Medikation selbst hat keine Kalorien. Also ist es unmöglich, dass Medikamente dick machen. Allerdings können manche Medikamente den Appetit regulieren: also steigern oder hemmen.

    ADHS Medikation zum Beispiel sollte bei Niedriggewichtigen Patient:innen nur in Ausnahmefällen (zum Beispiel mit therapeutisch angeleiteten fest definierten Essplänen) gegeben werden, da eine häufige Nebenwirkung Übelkeit und Appetitlosigkeit hat (Klasse der Sympathomimetika). Einige Antidepressiva wirken auch Appetit reduzierend (SSRI oder Sedativa) andere wiederum eher anregend (Mirtazapin). Eine andere Gruppe von Medikamenten greift in den Stoffwechsel (d.h. die Art und Effizienz, wie Energie aus Nahrung erzeugt wird) ein. Hierzu zählen Schilddrüsen Medikamente, Blutdruck Medikamente (Beta-Blocker) oder Anti-Diabetika und Insulin. Am besten sprichst du mit Fachleuten, zum Beispiel deiner Psychiaterin oder Psychiater über das Thema.

  • Mythos: Frieren hilft beim Abnehmen.

    Fakt: Abgesehen davon, dass Menschen mit Essstörung sowieso viel leichter, schneller und früher frieren, führt eine reale Reduktion der Körpertemperatur eher zu einer Verlangsamung des Stoffwechsels. In der Bio-Chemie geht man davon aus, dass allein ein Grad unterhalb der eigenen Körpertemperatur-Norm den Stoffwechsel bereits halbiert. Wenn also abnehmen, dann doch lieber schwitzen.

    Denn: aufgrund der – vor allem im niedrigen Körpergewichtsbereich – ohnehin geringen Selbstwahrnehmung, kann es zu dramatischen körperlichen Folgen bei Unterkühlung kommen. Unter 36 Grad Körpertemperatur steigt die Sterbewahrscheinlichkeit bereits um ein vielfaches!

Falls dir noch weitere Mythen einfallen, lass es mich gern wissen!

Ich werde diese Liste über die Zeit natürlich ergänzen 🙂

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