Sexualität und Essstörungen

Wie bei anderen psychiatrischen Störungen sind Essstörungen häufig mit Sexualstörungen verbunden. Ich habe in meiner Berufspraxis oft den Eindruck gewonnen (und im Verlauf der Behandlung bestätigen müssen), dass der Umgang mit Sexualität bzw. die Überforderung damit ein häufiger Einfluss- oder gar Bedingungsfaktor für die Essstörung darstellt.

Damit ist es wenig überraschend, dass diese Seite zu den am häufigsten gesuchten Seiten zählt. Verschiedene Studien deuten ebenfalls darauf hin, dass ein erheblicher Prozentsatz der Betroffenen sogar über die Symptomabstinenz hinaus längere Zeit Probleme mit dem Thema hat.

Essstörungen sind mit grundlegenden Störungen von Paarbeziehungen und sexuellen Beziehungen verbunden. Das Eingehen von Paarbeziehungen und befriedigenden sexuellen Beziehungen wird als ein wesentliches psychosoziales Kriterium der Heilung angesehen, insbesondere bei der Anorexie. Weibliche Konkurrenz wird in westlichen Ländern unter anderem über eine dünne Figur ausgetragen. Die Hintergründe für die Durchsetzung des Schlankheitsideals als Schönheitsideal bleiben zum Teil unklar. Der Anteil von Frauen mit Essstörungen, die in Partnerbeziehungen leben, wird vermutlich insgesamt unterschätzt. Dabei gehen Betroffene mit bulimischer Symptomatik in höherem Maße sexuelle Partner:innen-Beziehungen ein. Häufig haben Frauen und Männer mit Anorexia nervosa ein deutlich negativeres Verhältnis zur Sexualität.

Insbesondere junge und in diesen Zeiten ohnehin schon erheblich verunsicherte Menschen sehnen sich zu gleichen Teilen hoffnungsvoll aber auch ängstlich nach einer zuverlässigen, Halt-gebenden und sicheren Verbindung zu jemandem. Das Eingehen (intimer) Liebesbeziehungen stellt aber vor allem jene vor eine große Herausforderung, die aus verschiedenen Gründen (v.a. anhaltende Invalidierung) bereits eine Selbstwertstörung entwickelt haben oder dabei sind, zu entwickeln. Auf dieser Seite findet ihr eine kurze Übersicht über aktuelle Erklärungsansätze zu Störungen der Sexualität vor dem Hintergrund von Essstörungen.

Selbstwertstörung und Sexualität? Wie geht das den zusammen?

Eine (vorerst) abschließende Interpretation möchte ich hier ebenfalls vorstellen: Sexualität als Bindungs-„Instrument“ in Beziehungen. Insbesondere junge Frauen mit Selbstwertstörung werden in unserer sexualisierten Gesellschaft schnell einen Zusammenhang zwischen Sexualität und positiver Bewertung durch andere (insbesondere Männern) feststellen. Besteht eine entsprechende Vulnerabilität (Anfälligkeit) diesbezüglich, können sich spezifische Denk- und Beziehungsgestaltungsmuster herausbilden, in denen (junge) Frauen die Lernerfahrung intensivieren, dass sie über Sexualität oder das gezielte Einsetzen sexualisierter Reize (Kleidung, Fotos, Sexting usw.) sehr schnell sehr intensive und intime Aufmerksamkeit erzielen, also für eine kurze aber spürbare Zeit besonders sind. In Verbindung mit anderen Erkrankungen (zum Beispiel der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung) kann sich das promiskuitive Verhalten suchtähnlich verselbständigen, infolge es zu vielen weiteren negativen Erlebnissen kommt (Übergriffe, sexuelle Gewalterfahrungen usw.), die das Störungsbild verstärken. Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass einige Frauen davon überzeugt sind, dass sie – außer Sexualität – nichts anzubieten haben. Hier setzt dann die (ressourcenorientierte) Behandlung an, um diese Fehlüberzeugung aufzulockern.

Analytische bzw. psychodynamische Überlegungen zum Thema Sexualität bei Essstörungen

Das psychodynamische Gefüge bei der Anorexie setzt sich vor allem aus Selbstkontrolle und Selbstabgrenzung zusammen. „Die Lebensphase, in der sich die Anorexia nervosa entwickelt, ist die frühe und mittlere Adoleszenz, die Zeit der Pubertät und danach. In diesem Lebensabschnitt geht es um tatsächliche oder phantasierte Trennungen von den Eltern bzw. den primären Beziehungspartnern“ (Böhme- Bloem 1996). In dieser Dynamik äußert sich die Anorexie in Gestalt einer Kompromissbildung, bei der es darum geht, die Raumgrenzen zwischen der eigenen Person und anderen Personen aufrechtzuerhalten und den Abstand zur Mutter, zum Vater und zu anderen Menschen aufrechtzuerhalten, ohne sich die bereits genannte tatsächliche Trennung zumuten zu müssen (Reich 2003). Konzepte, die bezüglich dieser psychodynamischen Entwicklung existieren, versuchen anhand differenzierter Ansätze Erklärungsversuche zu konstruieren.

„Dieser Kernkonflikt um die Selbst- Grenzen und die Selbstkontrolle wurde in frühen psychoanalytischen Interpretationen dieses Krankheitsbildes als Abwehr von Sexualität gedeutet, insbesondere als Abwehr von Phantasien, die Essen und Sexualität in Verbindung brachten, z.B. in der Phantasie der oralen Schwängerung“ (Reich 2003).

  • Psychodynamik bei anorexia nervosa

    Die Auseinandersetzung mit Triebimpulsen als Identitätsthema führt zur triebtheoretische begründeten psychodynamischen Hypothese. Hier geht es ebenfalls um die Ablehnung der weiblichen Sexualität, die mit inkorporierenden Vorgängen (Aufnahme von Glied und Samen) einhergeht. Diese Ablehnung und Bekämpfung zeigt sich in einem auf die orale Ebene verschobenen Kontinuum von Verweigerung und Kontrolle. Diese Hypothese korreliert mit den Abwehroperationen, die in der Adoleszenz notwendig werden (vgl. Böhme-Bloem 1996).

    „Allerdings ist die triebdynamische Reifung der meisten Anorektiker:innen kaum wirklich auf die genital- sexuelle Ebene vorgedrungen, sie sind oral fixiert geblieben bzw. durch das autonomiefeindliche Familienklima gehalten worden, so dass man selten eine Regression auf die orale Triebebene, vielmehr häufiger eine Fixierung annehmen muss“ (Böhme- Bloem 1996).

    Nachfolgende Konzepte zielen auf das Konfliktpotential der frühen Individuation-Separation und auf die dadurch begünstigte Unfähigkeit sich von dominanten, eindringenden, kontrollierenden oder überfürsorglichen Beziehungspersonen zu trennen, ab. Als zentrale Thematik wird die ambivalente Beziehung zur Mutter, die sich aus einem Abhängigkeitserleben und einer abgewehrten Aggressivität ergibt, angesehen. Frühe Trennungskonflikte, die mit ödipalen Problemen in Verbindung stehen, tendieren dazu, vor allem in der Adoleszenz ihre virulente Wirkung zu zeigen und dort zum Ausbruch der Erkrankung durch Regression auf eine präödipale Stufe der Entwicklung führen (Reich 2003).

    „Die aufrechterhaltenden Faktoren lassen sich in innere, in der Patientin liegende, und äußere, in der sozialen Umwelt liegende Faktoren einteilen. Sie decken sich teilweise mit den Vorstellungen, die gemeinhin als sekundärer Krankheitsgewinn bezeichnet werden, teilweise gehören sie auch zur inneren Dynamik des Krankheitsbildes“ (Böhme- Bloem 1996).

    Diese aufrechterhaltenden Faktoren bedeuten eine Erschwernis in Hinblick auf die Therapiearbeit und auf die Zugänglichkeit der Patientin für den Therapeuten, Familie und Freunde. Die Maximierung des Autonomiegefühls, welche durch wachsende Körperkontrolle, Effizienz und ein narzisstisches Hochgefühl vermittelt werden, führt weiter zu einer Isolation. Die Unsicherheit und die Angst dabei resultiert aus der Ungewissheit, ob das Maß an Kontrolle in Hinblick auf den wachsenden Hunger aufrechterhalten werden kann. Die Aufmerksamkeit, die mit Nicht- Essen bewirkt wird und die Zuwendung, die symbolisch über das Essen zustande kommt, können nur durch ein restriktives Essverhalten aufrechterhalten werden (Böhme- Bloem 1996).

    „Zentral sind Ängste vor Auflösung der Grenzen, Kontrollverlust, Trennung oder Triebhaftigkeit. In der Abwehrstruktur dominieren neben der Isolierung und Reaktionsbildung vor allem die Verleugnung, die altruistische Abtretung und die Wendung von Aggressivität gegen das Selbst“ (Reich 2003).

  • Psychodynamik bei Bulimia nervosa

    Auch bei der Bulimie besteht ein Abgrenzungskonflikt, hauptsächlich in der Mutter- Tochter Dynamik. Aus psychoanalytischer Sicht bleibt die Betroffene in ihren basalen Bedürfnissen, wie haltende Umgebung, Versorgung, Beruhigung und narzisstischer Zufuhr, unbefriedigt. Die Ambivalenz bei Patientinnen mit Bulimie zeigt sich konkret einerseits in dem Wunsch nach Bindung und Abhängigkeit, andererseits in der Entwicklung starker Bindungsängste. Das Bedürfnis nach Verbundenheit und Nähe dient der Kompensation der unerfüllten Beziehung zur Mutter, die ein Gefühl der Leere und der Wertlosigkeit verursacht. Bindungsängste resultieren aus der Angst enttäuscht und verlassen zu werden. Die Psychoanalyse betrachtet die Bulimie hinsichtlich dessen als Störung der frühkindlichen Separation und Individuation von den primären Bezugspersonen (Reich 2003).

    Eine andere Anschauung dieser Thematik bietet Reich (2003), der die Bulimie als „elaborierte, habitualisierte Impulshandlung“ ansieht, mit dem Zweck, mit innerseelischen Spannungen mittels dinglicher Objekte fertig zu werden. Der Identitätskonflikt, unter dem bulimische Patientinnen generell leiden, besteht in der Aufspaltung des Selbst in ein „ideales“ Selbst und in ein „defektes“ Selbst. Das ideale Selbst soll der Außenwelt ein perfektes, funktionierendes, selbstkontrolliertes und autonomes Individuum präsentieren, das defekte Selbst, das hingegen Bedürftigkeit, Schwäche und Unkontrolliertheit repräsentiert und dementsprechend als Makel bzw. Defekt empfunden wird, soll versteckt bleiben (Reich 2003).

    „Die Patientinnen leiden an einer Phantasie des Defektes und starken Schamkonflikten, einer affektiven Instabilität, die zusammen mit einer starken Betonung von Essen und äußerer Erscheinung in den Familien sowie den Konflikten in der Adoleszenz die Verschiebung der Identitätskonflikte auf den Körper begünstigen“ (Reich 2003).

    Böhme- Bloem (1996) sieht hinsichtlich der aufrechterhaltenden Faktoren, die ebenso wie bei der Anorexie einen Therapieerfolg behindern können, Probleme der Geschlechtszugehörigkeit und Konflikte in der soziokulturellen Position der Frau. Bezüglich der Geschlechtszugehörigkeit zielt er auf die spannungsreiche Gefühlswelt zwischen Mutter und Tochter. Im Mittelpunkt steht dabei die orale Fixierung, die für Bulimia nervosa Patient:innen charakteristisch ist. Gemeint ist damit das Verhaftet-bleiben in der Objektbeziehung des ersten Lebensjahres. Das Essen als das wichtigste Kommunikationsmedium der ersten Lebenszeit wird als solches weiterbenutzt. Aufgrund der eigenen Ambivalenz und Ablehnung der Mutter gegenüber ihrer eigenen Bedürfnisse, kommt es auch zur Abwehr der kindlichen Oralität.

    Später resultiert diese mütterliche Ambivalenz in einer starken Abhängigkeit der Tochter, sodass diese wegen eines mangelnden Selbstgefühls in dieser Konstellation den Körper phallisch besetzt und mit diesem Körpergefühl in ödipaler Fixierung in die Adoleszenz eintritt (Böhme- Bloem 1996). Die soziokulturelle Position der Frau steht unter dem signifikanten Einfluss der Medien. Dieser manifestiert sich in den realistisch gesehen unvereinbaren Anforderungen an das weibliche Geschlecht.

    Schlankheit, intellektuelle Kritikfähigkeit, Emanzipation, Aktivität und Leistungsfähigkeit, stehen den konträren „hausfraulichen“ Qualitäten wie Fürsorge und Mütterlichkeit gegenüber (vgl. Böhme- Bloem 1996). „Eine Adoleszente mit einem unsicheren Selbstgefühl wird angesichts dieses aus mehreren sehr gegensätzlichen Facetten zusammengesetzten Idealbildes versuchen, alles in sich zu vereinen und so unter andauernde innere Spannung geraten. Eine Bulimia nervosa Patientin wird durch dieses Idealbild immer wieder ins Spannungsfeld ihrer Ambivalenz gezogen“ (Böhme-Bloem 1996)

  • weibliche Identität und Sexualität

    Essgestörte Frauen stehen häufig in Konflikt mit ihrer Weiblichkeit. In unserer Gesellschaft und gleichermaßen in unserer Kultur werden männliche Prinzipien wie Zielgerichtetheit, Leistung, Produktivität, Rivalität, Autonomie, Individualität und Systematik hervorgehoben. Gleichzeitig werden weibliche Attribute wie Intuition, Sensibilität, Ästhetik und die Betonung der Gefühle und Emotionen in den Hintergrund gestellt und als weniger „nützlich“ eingestuft, da sie weniger zu einem technologischen Fortschritt oder einem finanziellen Erfolg führen (vgl. Johnston 2003). Sie vertritt die Ansicht, die Epidemie der Essstörungen sei eindeutig das Resultat der Tendenz, männliche Attribute in ihrer Wertigkeit zu stärken und weibliche Attribute zu entwerten. Da jeder Mensch sowohl weibliche als auch männliche Anteile in sich trägt, die weiblichen aber aufgrund ihrer Irrationalität abgewertet werden, kontrolliert der männliche Aspekt den weiblichen. Frauen mit einem gestörten Essverhalten internalisieren diese Wertung und zielgerichtete Aktivitäten, Kontrolle und Pflichten treten in den Vordergrund (vgl. Johnston 2003).

    Reich (2003) greift in seinem Buch über Familienbeziehungen von Patientinnen mit Bulimia nervosa die Thematik der weiblichen Rollenkonflikte auf. Diese Konflikte treten gehäuft in der Adoleszenz auf, bei der es um Reifungs- und Verselbständigungsschritte geht und um die damit zusammenhängenden Entwicklungsschritte. Menschen mit einem gestörten Essverhalten tendieren eher zu einer verstärkten Identifikation mit widersprüchlichen Rollenanforderungen und deren Erfüllung, besonders infolge der Bulimie (vgl. Reich 2003). Ein entscheidender Aspekt der Weiblichkeit ist die Menstruation, die bei Mädchen den Beginn ihrer Pubertät bedeutet. Nicht nur die Monatsblutung ist Teil dieses Veränderungsprozesses, sondern der ganze Körper entwickelt sich weiter. Mädchen stehen vor der Aufgabe sich mit ihrer Sexualität auseinanderzusetzen und ihre weibliche Identität anzuerkennen.

    Mit Einsetzen der Menstruation verändert sich gleichzeitig der Körper. Diese biologische Entwicklung ist weder aufzuhalten, noch zu kontrollieren, weshalb sich eine Essstörung bei Mädchen häufig gleichzeitig mit Beginn der Pubertät entwickelt. Die Prädisposition für diese Psychopathologie beinhaltet häufig ein geringes Maß an Kontrollfähigkeit, beziehungsweise ein mangelndes Gefühl der Macht. Die übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Essverhalten, beziehungsweise die daraus entstehenden Diätversuche, sollen in dieser Dynamik das Gefühl von Kontrolle vermitteln oder verstärken. Die Menstruation wird nicht nur von körperlichen Veränderungen, wie der Entwicklung von weiblichen Formen, einer hormonbedingten Gewichtszunahme und Heißhungerattacken begleitet, sondern auch von Stimmungsschwankungen und einer erhöhten emotionalen Sensibilität (Johnston 2003).

    Die Sexualität bedeutet ebenfalls mit dem Beginn der Pubertät und der Entwicklung eines Mädchens zu einer jungen Frau nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Umstellung. Diese ist häufig mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden, die anhand der Kompensation durch Diäten und Kontrolle des Ernährungsverhaltens zu bewältigen versucht werden. Mädchen internalisieren die häufig postulierte und abwertende Interpretation von weiblicher Sexualität, die Frauen oftmals als sexuelle Objekte, Trophäen und Beute in einer patriarchalischen Kultur darstellt. Die Medien produzieren ein fertiges Bild von einer schönen Frau und einer akzeptablen Figur. Gleichzeitig liefern Zeitschriften und das Fernsehen ein verzerrtes Bild, wie weibliche Sexualität aussieht. Dementsprechendes Konfliktpotential besteht auch in der Schule und in der Familie.

    Johnston beschreibt in diesem Zusammenhang die Entwicklung eines Mädchens, die tendenziell früher einsetzt als bei Jungen und sich auch offensichtlicher zeigt. Mädchen müssen demzufolge früher lernen, nicht nur mit ihrer eigenen Auseinandersetzung und mit den subtilen Botschaften aus den Medien zurecht zu kommen, sondern auch mit Schulkameraden und Freunden, vor allem männlichen Geschlechts (Johnston 2003). Johnston (2003) nennt es Doppelmoral der patriarchalischen Machtstruktur, die einerseits eine gesellschaftlich akzeptierte frühe sexuelle Aktivität der Jungen beinhaltet, andererseits im Gegensatz dazu, die frühe weibliche Sexualität als bedenklich einstuft (Johnston 2003). Die Familie hat in Bezug auf die sich entwickelnde Sexualität der Tochter wesentlichen Einfluss. Eltern haben eventuell Schwierigkeiten mit dieser neuen Situation umzugehen. Väter fühlen sich teilweise eingeschüchtert und werten den sich entwickelnden Körper anhand von herabsetzenden Bemerkungen ab, oder versuchen ihre Tochter vor Jungen, die sich für die Tochter interessieren, zu beschützen, indem sie ihnen gegenüber feindselig reagieren. Eine andere mögliche Situation wäre, dass sich Väter gegenüber ihren eigenen sexuellen Gefühlen in einem Konflikt befinden und daraus mit körperlicher Abwendung reagieren. Brüder können sich in ihrer Identität und persönlichen Ausstrahlung unsicher sein, weshalb sie das Aussehen der Schwester missbilligen. Die erfahrene Ablehnung von männlichen Bezugspersonen kann zu einer negativen Einstellung bezüglich des eigenen sich verändernden Körpers führen und die Strategie der Kompensation eingesetzt werden, um diese Gefühle zu entkräften. Die Rolle der Mutter in dieser Dynamik ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Die Mutter-Tochter Beziehung kann in diesem Zeitraum von Neid, Rivalität, Kritik, Ängstlichkeit und von der Übertragung des Rollenbildes der Mutter auf die Tochter geprägt sein. Essen und Diäten bedeutet hier Schutz und der Versuch die eigene Sexualität zu verbergen, den mädchenhaften Körper wieder zurückzugewinnen, nicht mehr aufzufallen und damit jeglichen, Konflikt ausgelöst durch die Körperlichkeit, zu umgehen (Johnston 2003).

    Der hier beschriebene Vorgang bezieht sich eher auf Mädchen, die an Anorexia nervosa leiden, denn diese setzt altersspezifisch früher ein als die Bulimia nervosa. Reich (2003) unterscheidet das Sexualverhalten zwischen Anorexie und Bulimie in Hinblick auf sexuelle Erfahrungen und sexuelle Veränderungen. Betroffene der Anorexie versuchen diese zu vermeiden und rückgängig zu machen. Das Interesse an romantischer Liebe und sexuellen Erlebnissen ist gering. Da die Bulimie das körperliche Erscheinungsbild im geringeren Ausmaß verändert, wird diesbezüglich über sexuelle Kontakte und sexuelle Konflikte berichtet. Einschränkungen werden bezüglich der sexuellen Erlebnisfähigkeit und der Nichterfüllung der Bedürfnisse des Partners genannt (Reich 2003).

    „Negative Partnerschaftserfahrungen spielen in der Entwicklung und als auslösendes Moment von Ess- Störungen häufig eine bedeutende Rolle, insbesondere bei der Bulimie. Zurückweisungen, Missachtung oder Abwertung durch Partner werden häufig auf mangelnde körperliche Attraktivität zurückgeführt. Der Körper wird zum Sündenbock“ (Reich 2008).

    Johnston (2003) stellt fest, dass Essstörungen die sexuelle Lustempfindung beeinträchtigen können. Auslösend können die bereits angesprochenen Eigenschaften sein, die eine Begleitsymptomatik einer Essstörung darstellen. Im Zuge des Leistungsanspruchs, der Erfüllung von Pflichten und Aufgaben, verlieren Betroffene das Bedürfnis nach Sexualität (Johnston 2003).

    Roth (2005) behandelt das Thema Sexualität auf dem Hintergrund einer Inkongruenz hinsichtlich des Erlebens der eigenen Sexualität. Die Reize des weiblichen Körpers sind einerseits eine Last, andererseits ein nützliches Instrument, um emotionale Bedürftigkeit auszudrücken im Sinne von Nähe, Aufmerksamkeit und Liebe. Roth hebt hervor, inwieweit Frauen im gleichen Maß Schlankheit als Bürde betrachten. Schlankheit indiziert für Mädchen und junge Frauen häufig das Gefühl ihren Körper präsentieren zu müssen und dabei konstant attraktiv, verführerisch und vital zu wirken (Roth 2005).

    Die Angst vor der Sexualität ergibt sich aus dem Paradoxon der verfälschten Interpretation von Sexualität. Häufig setzen Frauen Sexualität mit dem Bedürfnis nach Liebe gleich. Roth stellt fest, dass es einerseits das größte persönliche Ziel ist schlank zu sein, gleichzeitig jedoch, durch die Unfähigkeit sich sexuell abzugrenzen, ausgelöst von dem Bedürfnis nach Liebe, in eine Furcht vor dem Schlanksein und vor der eigenen Attraktivität führt (Roth 2005).

typische Merkmale von Paarbeziehungen von Menschen mit Essstörungen:

  • eine Störung der Intimität (bzw. sich aus Angst vor Trennung dazu zu zwingen)
  • ein Mangel an offener Kommunikation (mangelnde Wehrhaftigkeit/ Selbstbehauptung)
  • ein dementsprechend hohes Maß an Scham, Schuld, Ekel und Leid (Selbstvorwürfe, etwas zu tun, wozu man eigentlich nicht bereit ist VS Schuldgefühle gegenüber der Partnerin oder dem Partner)
  • eine eingeschränkte Fähigkeit zur Konfliktlösung (ausgeprägte Vermeidungstendenzen) und
  • Frust wird aufgestaut und gegen sich selbst gerichtet (zum Beispiel über Symptomatik)
  • Essstörung dient häufig indirekt dazu, den Partner oder die Partnerin fernzuhalten bzw. ihn oder sie dazu zu bringen, sich zu trennen (um es selbst nicht machen zu müssen; Verantwortungsabgabe)

Essstörung und die sexuelle Reife

Die Essstörung selbst kann ja – unabhängig seiner verschiedenen Formen und Ausprägungen – grundsätzlich als Denkstörung verstanden werden. Demnach sind es vor allem (Essstörungs-)spezifische Gedanken, die dann zusammen zu bestimmten häufig schädlichen Verhaltensweisen führen, die von den Betroffenen selbst anfänglich noch als hilfreich/entlastend/positiv bewertet werden. Eine wesentliche Funktion ist dabei die Vermeidung bzw. Verdrängung: wenn sich Betroffene mit Themen wie Essen, Figur, Gewicht, Bewegung und Zahlen beschäftigen, dann verdrängen diese sehr zeitintensiven Fragestellungen und Denkspiralen automatisch und sukzessiv die eigentlich relevanten hoch emotional besetzten Themen, wie zum Beispiel: „bin ich gut genug?“; „reiche ich aus?“; „werde ich so akzeptiert, wie ich bin?“; „bin ich attraktiv?“. Nach einer gewissen Zeit verselbständigen sich diese Gedankenspiralen und lösen sich von den eigentlich verknüpften Emotionen (vor allem Ekel, Angst, Traurigkeit und Ärger). Dies hat zur Folge, dass diese intensiv erlebten Gefühle oft gar nicht mehr in Bezug gesetzt werden können, mit den spezifischen auslösenden Gedanken (zum Beispiel übergriffiges Verhalten).

„Stattdessen werden diese realen Gefühle willkürlich mit den ohnehin ständig stattfindenden essgestörten Denkinhalten verknüpft (zum Beispiel das Gewicht oder die Figur)“

Entsprechend der zeitintensiven und hochfrequenten Gedanken (wie zum Beispiel der gedanklich formulierte Satz „ich bin zu dick“) geht diese Verknüpfung rasch vonstatten, sodass die Betroffenen schnell glaubhaft davon überzeugt sind, dass die Gewichtsentwicklung oder eine Veränderung ihrer Figur Angst, Ekel Wut oder Trauer auslösen, da die im Verhältnis zu essgestörten Gedanken nur noch vereinzelt aufkommenden Gedanken kaum noch wahrgenommen oder bewusst verarbeitet werden können. Eine weitere Funktion der Essstörungserkrankung gegenüber dem Themenkomplex Sexualität bzw. sexueller Reife stellt die sogenannte Regression dar.

Angst vor dem Erwachsenwerden

Je (psychisch) belastender die Phase der sexuellen Reife im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung ist, desto erheblicher die resultierenden Störungen. Kurz gesagt: wann immer Kinder den Eindruck gewinnen, dass alles um sie herum wichtiger erscheint, als sie selbst (Paarkonflikte der Eltern, erkrankte Geschwister, Invalidieren, finanzielle Krisen, häufige Umzüge) in Verbindung mit genetisch prädisponierter Ängstlichkeit und Überfokussierung („an Details verhaftet bleiben“), dann kommt es sicher zum Ausbruch gravierender psychischer Überforderungserscheinungen mit Eintritt in die (junge) Erwachsenenwelt. Eine solche Ausdrucksmöglichkeit ist die Essstörungserkrankung, am sichtbarsten dabei ist natürlich die Anorexia nervosa. Eine mögliche Interpretation, die Patient:innen auch immer wieder bestätigen, ist die (anfangs unbewusste) Rückkehr in einen kindlichen Status. Dabei geht es um die Wiederherstellung eines vermeintlich „sicheren Zustands“ – denn wer würde schon ein kleines Kind bedrängen oder überfordern? Und tatsächlich neigen insbesondere Angehörige von Anorexie-Betroffenen dazu, sehr schnell in eine Art Schonhaltung zu verfallen und präsentieren sich plötzlich ungewohnt hilfsbereit (und leider dann inkonsequent und inkonsistent), was Betroffene erst als hilfreich und später als zusätzlichen Belastungsfaktor erleben (Schuldgefühle).

Essstörung als Beziehungsstörung

Eine weitere Möglichkeit der Interpretation ist die Beziehungsstörung. So neigen psychisch Erkrankte sehr häufig zu sogenannten psychischen Homogamie. Womit schlicht gemeint ist, dass zwei Partner:innen sich hinsichtlich ihrer psychischen Beschaffenheit ähneln, also zum Beispiel zwei Menschen mit Selbstwertstörung einander finden („etwas Besseres finde ich sowieso nicht“). Demnach entstehen sehr schnell ungünstige Paarbeziehungsdynamiken, denn keiner der beiden Partner:innen kann eine psychische Genesung des anderen wirklich positiv bewerten, denn: sobald sich einer der Partner:innen „weiterentwickelt“ braucht es ja den Gegenpart nicht mehr, weswegen sich Partner:innen (unbewusst) gegenseitig boykottieren. Hier ist prinzipiell nur mit Hilfe professioneller Außenstehender (zum Beispiel Psycholog:innen; Psychotherapeut:innen mit Themenschwerpunkt Paarbeziehungen) eine Auflösung dieser Dynamik möglich. Aber sie ist möglich.

Falls du Beratung für dich oder jemanden aus deiner Familie zu dem Thema wünschst, kannst du hier einen Termin anfragen:

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