Essstörungserkrankungen bei Jungen und Männern

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass das Thema Essstörungen bei Jungen und Männern nach wie vor unterschätzt wird. Eine Überfokussierung auf den eigenen Körper sowie die Ernährung finden sich bereits in den meisten typischen „Mucki-Buden“ wo ein Großteil der Wandflächen aus Spiegeln besteht. Das bedeutet nicht, dass jeder Mann, der in ein Fitnessstudio geht automatisch auch eine Essstörung hat, jedoch ist die Dunkelziffer gewaltig. Zum einen, weil das Störungsbild bei Jungen und Männern anders geprägt (Überfokussierung auf ein muskulöses Äußeres) ist und zum anderen, weil es eine größere Hemmung gibt, sich in professionelle Behandlung zu begeben.

Das männliche Geschlecht – Körper & Identität

Das (Heraus-)Finden und Stabilisieren einer geschlechtlichen Identität gehört zu den wesentlichen Entwicklungsaufgaben.

In der Jugendphase und im jungen Erwachsenenalter (Adoleszenz) befinden sich Geschlechtsidentitäten entwicklungstypisch in einem Prozess des Wandels und neu Entstehens. Geschlechtsbezogene Krisenphänomene gehören deshalb fast notwendig zu dieser Lebensphase. Männlichkeitsvorstellungen – und als Teil davon männliche Körperbilder – unterliegen einem ständigen historischen Wandel mit je eigenen Herausforderungen für Jungen und Männer in der jeweiligen Epoche. Seit der Nachkriegszeit entstanden dabei durch eine Öffnung, Flexibilisierung und Freisetzung (Böhnisch 2003) größere Spielräume für neue Optionen und modernisierte Lebensentwürfe. Gegenwärtige gesellschaftliche Tendenzen gehen in Richtung Individualisierung und Selbstoptimierung. Traditionelle Geschlechterbilder und -rollen sind heute weniger starr, insbesondere in einem Zeitalter der sozialen und vor allem digitalen Interaktion.

Wie auch die Mädchen erleben sich die Jungen in der Phase ihrer Identitätsentwicklung ebenfalls ständigen Widersprüchen ausgeliefert: So wünschen Partner:innen vom Jungen (Mann) mitunter die starke Schulter und seine Beschützerqualitäten – gleichzeitig soll er sich emotional öffnen und sich auch selbstreflektierend, mitfühlend, verständnisvoll und bisweilen bedürftig zeigen.

Der Männergesundheitsbericht des Robert Koch-Instituts kommt in Bezug auf Essstörungen bei Männern zu folgendem Ergebnis: „Für eine zielgruppenspezifische Aufklärung und Präventionsmaßnahmen besteht derzeit noch Potenzial. Trotz vieler Ähnlichkeiten in der Symptomatik sprechen die vorliegenden Ergebnisse außerdem für geschlechtsspezifische Therapiekonzepte. Diese werden bislang nur vereinzelt angeboten, so z.B. reine Männergruppen in Kliniken, die auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert sind.“ (RKI 2014). Diese Einschätzung gilt in quantitativer wie qualitativer Hinsicht. Zum einen sind jungen- und männerspezifische Präventions-, Beratungs- und Therapieangebote rar. Sie werden in zu geringer Zahl und nicht annähernd flächendeckend vorgehalten. Zum anderen braucht der reklamierte zielgruppenspezifische Ansatz eine jungen- und männerbezogene Überprüfung, Weiterentwicklung und Verbesserung der Konzeptqualität bisheriger Präventions-, Beratungs- und Therapieangebote, die in der Tendenz zumeist Mädchen- und Frauenbezogen oder seltener geschlechteroffen sind. Sehr ausführlich mit diesem Thema hat sich auch die Landesfachstelle Essstörungen NRW beschäftigt.

beruflicher Erfolg

Berufsorientierte biografische Perspektiven und eine Lebensgestaltung, die sich an Erfordernissen der Erwerbsarbeit ausrichtet, sind ein traditionelles Strukturelement von Männlichkeit.

In ihren Männlichkeitsbildern nehmen Jungen die Erwartungen auf, die später an sie als Mann gestellt werden könnten. Diese sind nach wie vor einseitig auf die Welt der Erwerbsarbeit ausgerichtet. Einen verwertbaren Platz in der Arbeitswelt zu bekommen und für eine Familie sorgen zu können, strahlt als Leitidee von Männlichkeit durch sämtliche Differenzierungen hindurch. Weiblichkeitsbilder sind dagegen vielfältiger auf Beruf und auf Familie sowie stärker auf Mütterlichkeit und Fürsorglichkeit konzentriert. Erwerbsarbeit als „exklusive“ Quelle für das Männlich-sein behält eine zentrale Bedeutung. Trotz des gesellschaftlichen Wandels lassen sich hier deutliche Kontinuitäten ausmachen.

Auch heute sind Männlichkeitsentwürfe eng an Erwerbsarbeit gekoppelt, meist mit der Vorstellung lebenslänglicher Vollzeitbeschäftigung (Stichwort: Haupternährer-Modell) auf der einen Seite, andererseits mit geringerer Beteiligung an Hausarbeit, Erziehung und Pflege. Diese eindimensionale Vorstellung bringt Leistungs- und Erfolgserwartungen mit sich sowie die Herausforderung, Kontrolle über die eigenen Lebensumstände aufrecht zu erhalten – vor allem materiell und ökonomisch. Für die geschlechtliche Identität von Jungen und Männern wirken sich Ungewissheiten im Hinblick auf den Beruf besonders stark aus.

Ein sicherer Berufsstatus ist jedoch für viele Jugendliche recht ungewiss, berufliche Unsicherheit wurde zum Normalfall.

Körperlichkeit

Der „männlich“ geformte Körper ist ein primärer Bezugspunkt und eine zentrale Ressource der Herstellung und Darstellung von Männlichkeiten. Im Mittelpunkt männlicher Körperaufmerksamkeit standen traditionell Muskelkraft, Ausdauer und Zähigkeit, besonders im Hinblick auf die Verwertbarkeit in der beruflichen Arbeit und beim Militär. Gefragt und ökonomisch verwertet wurde, was „im Körper steckt“ oder was mit dem Körper geleistet werden kann. Männlichkeitsnormen vermitteln von daher immer noch ein tendenziell instrumentelles Körper- und Gesundheitsverständnis mit dem Ziel, den Körper beruflich nutzen zu können. Körperkraft ist in männlichen Berufswelten tatsächlich kaum noch gefragt, dennoch symbolisiert und kommuniziert ein kräftiger Körperbau – im Gegensatz zur Körpergröße ein beeinflussbarer Faktor – Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Als Schlüsselreiz sorgt er zugleich für Akzeptanz bei männlichen Gleichaltrigen und verspricht potenziellen Partner:innen weit über „Sex attraction“ hinaus eine dauerhaft hohe Attraktivität im Sinn von zukünftigem Erfolg.

Die Darstellung des gesunden, kräftigen Körpers erwächst jedoch heute weniger aus einer berufsbezogenen „männlichen“ Notwendigkeit. Sie stellt vielmehr einen Rückgriff auf eine traditionelle Symbolik der Stärke dar, die in den derzeitig digital-dominierten Sozialen Medien zusätzlich überbetont wird (nackter-Oberkörper-Spiegel-Selfies).

Wenn Jungen und Männer in unsicheren Zeiten nach Orientierung suchen, ist es also nahe liegend, dass für einige der Körper sehr wichtig wird.

Milieu-Raum Mucki-Bude

Zielgerichtete Körpergestaltung und -optimierung bietet Jungen und Männern eine Möglichkeit, über Investitionen in den Körper ihre männliche Identität zu stabilisieren. Ziel solcher Körperarbeit ist z.B. Stärke und männliche Ästhetik. Die Arbeit am und mit dem Körper ist ihr Weg: Muskelaufbau im Kraftraum, die harte Arbeit an sich und am eigenen Körper, das Bekämpfen eigener Schwächen („innerer Schweinehund“) und der körperliche Wettbewerb mit anderen Jungen oder Männern bieten symbolisch männliche Bestätigung und Formen sinnlich wahrnehmbarer Männlichkeit.

Dies gilt auch für Körpergestaltungen, die sich nicht vorwiegend „muskelmännlich“, sondern an anderen ästhetischen Kategorien orientieren, wie z.B. bei sportlich-schlanken „Metro-Sexuellen/Metros“. Die Bedeutung männlicher „Körperarbeit“ beschränkt sich nicht auf Symbolik, denn männlich aufgeladene Milieu-Räume bieten tatsächlich zahlreiche reale Kontakte und gilt zuweilen als Dating-Zone Nummer Eins. Körperorientierte soziale Räume wie Sportvereine, Fitnessstudios oder Krafträume, Fußballfelder, Basketballkörbe oder Skaterbahnen können als Refugien eines männlichen Milieus, einer „Männergemeinschaft“ erlebt werden, die sich in Zeiten großer Identitätslosigkeit und allgemeiner Verunsicherung gegenseitig Mut zuspricht.

Dass dort vereinzelt Mädchen oder Frauen auftauchen reduziert das männliche „Feeling“ nicht. Hier entwickeln sich über das Thema Körpergestaltung und -optimierung gleichzeitig Beziehungen. Solche Zugehörigkeiten stabilisieren nicht nur eine männliche Identität, sondern auch die individuelle Position und den sozialen Status. Dies gilt ganz besonders für Jungen und Männer, die vor dem Hintergrund sozialer Schwierigkeiten aufwachsen wie z.B. mit familiären Belastungen, Armut, schulischen Diskontinuitäten, schwieriger Wohnsituation, geringen Chancen. Mit dem Bezug auf den männlichen Körper können sich hier Bewältigungsformen und -möglichkeiten für betroffene Jungen und junge Männer eröffnen, die – ganz abgesehen von möglichen problematischen Begleiterscheinungen – erst einmal anerkannt und wertgeschätzt und nicht gleich als tendenziell unerwünschte Männlichkeit demontiert werden sollten.

Denn Training und körperlicher Selbstbezug, Austausch mit anderen und Feedback von anderen, etwas für die persönliche Ästhetik zu tun und Erfolge dabei zu erzielen – all das trägt zur Stärkung der Selbstwirksamkeit bei.

Funktionalität

Ein funktionalinstrumenteller Umgang mit dem Körper ist nicht naturgegeben, sondern Ergebnis männlicher Körpersozialisation und Körperbildung. Jenseits dominierender Klischees über den Männerkörper, in denen sich Kraft und Ästhetik nach außen vermitteln, sind körperliche Innen- und Selbstbezüge – also der Zugang zu reflektierter Eigenerfahrung als männlicher Körper – bei Jungen häufig nur schwach entwickelt (Winter /Neubauer 2004).

Das zeigt sich in der Schwierigkeit, sich zu spüren und körperliche Phänomene und Befindlichkeiten sprachlich angemessen beschreiben zu können, sich an eher ruhigen, d. h. nicht bewegungsorientierten, großmotorischen oder raumgreifenden körperlichen Aktivitäten und Erlebnissen zu beteiligen. Der männliche Körper selbst ist selten Gegenstand eigener Beobachtung; häufiger geht es darum, wozu dieser Körper zu gebrauchen ist. Jungen lernen während ihres Heranwachsens kaum, ihr Körpererleben bewusst zu reflektieren oder tief darin einzutauchen. In der Schule, im Sport, aber auch unter Gleichaltrigen geht es häufig eher um Leistung, Körperkontrolle und Funktionieren. Körperwahrnehmung, „Körperkunde“, körperliche Erfahrungen mit allen Sinnen, jungenspezifische sexuelle Bildung bleiben dagegen völlig unterrepräsentiert.

Körperliche Bedürfnisse wie Ruhe und Entspannung, Sinnes- und Lusterfahrung, das Spüren körperlicher Grenzen, Überforderungsgefühle, Missempfindungen und selbst Schmerzen finden Raum (und später aufgrund der tiefsitzenden Verunsicherung dahingehend auch wenig Anklang) in der Kommunikation. Infolge bleiben solche männlich-körperlichen Potenziale des Wohlbefindens unterentwickelt. Ebenso werden schwierige Erfahrungen wie Schmerz, Scham, Krankheit, Überforderung oder Versagen ausgeblendet oder abgewehrt („Keine Schwäche zeigen“).

Sei kein Opfer

Bloß nicht Opfer werden!
Unverletzbarkeit und Unbesiegbarkeit gilt als männlich, Verletzbarkeit als weiblich. In dieser Logik müssen Jungen und Männer vermeiden, als Opfer dazustehen – gerade dann, wenn sie es sind.

Faktisch sind Jungen und Männer jedoch häufig (auch) Opfer, insbesondere von körperlicher Gewalt, aber auch von Ausgrenzung oder Ausbeutung. Jungen werden innerhalb der Familie häufiger heftig geschlagen. Im außerfamiliären Raum sind Jungen doppelt so häufig Opfer von schwerer körperlicher Gewalt wie Mädchen. Insbesondere die Erfahrung sexueller Gewalt kollidiert nochmals mehr mit gängigen Geschlechtserwartungen, welche betonen: männlich zu sein heißt, kein Opfer zu sein und sich wehren zu können (Mosser 2012). Männlichsein und Opfersein lasse sich nicht in Einklang bringen, so die Leitidee, weil dies den Geboten der Männlichkeit widerspricht (Gilmore 1991). Auch heute noch gängige kulturelle Stereotype transportieren diese Haltung: „Ein starker Junge weint doch nicht“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“.

Es führt zu einer geringeren Inanspruchnahme von Unterstützung, Schutz und Hilfe, weil dies das eigene Opfersein bestätigen würde – denn in der Regel gilt: ohne Opferstatus keine Hilfe. Krank und hilfsbedürftig zu sein wird häufig mit Unterlegenheit assoziiert. So ist bei Jungen und Männern die Dunkelziffer bei psychischen Störungen wie Depressionen vermutlich hoch, weil sie den Opfer- oder Krankheitsstatus nicht mit dem Männlich-sein in Verbindung bringen oder weil sie autonom erscheinen und demonstrativ nicht auf Hilfe angewiesen sein wollen. Vielleicht sind auch deshalb Essstörungen bei Jungen und Männern schwerer zu identifizieren und diagnostizieren (Eliot /Baker 2001).

Aussehen ist alles

Das Äußere zählt immer mehr
In einer stark an visueller Kommunikation orientierten Zeit gewinnt das sichtbare Körperäußere an Bedeutung. Es muss mit entsprechender Körperarbeit gepflegt und verbessert werden. So wird der Körper zu einem immer wichtigeren Ausdruck des „Sich-selbst-Erschaffens“. So galt der Körper in früheren Zeiten eher als Schicksal. Er formte sich über das Leben und bei Männern vor allem durch die (körperliche) Arbeit. Heute wird er viel stärker als Gestaltungsmedium gesehen, als formbare, beeinflussbare Größe. Ein Beleg dafür sind ästhetisierende Körpermodifikationen bei Männern. Diese haben innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre stark zugenommen und wurden salonfähig: Kaum ein Medienstar aus Musik oder Sport, der nicht tätowiert oder mit Piercings ausgestattet ist. Auch im Alltag wurde die Gestaltung des Männerkörpers normalisiert: Neben Intimrasur, Tattoos und Piercings werden operative Korrekturen zunehmend toleriert.

Bewertete Körper
Noch nie hat eine Generation so viele Bilder von sich selbst gemacht und gesehen. Die ständige Bildpräsenz des männlichen Selbst animiert zur vergleichenden Körperkonkurrenz. Kommerzialisierung und interaktive Dynamiken der sozialen Medien mit ihren Darstellungszwängen fördern einen andauernden fiktiven Vergleich auf der medialen Bühne. Selfies setzen die Selbstdarstellung als Prinzip des Individualismus konsequent um und repräsentieren zunehmend die soziale Identität des Selbst. Der Körper verwandelt sich in sein Bild. Casting-Shows und der Social-Media-Wettlauf tun ein Übriges. Die Bewertung des Körpers und seiner Gestaltung beschränkt sich nicht mehr nur auf reale Beziehungen zu Gleichaltrigen oder die Selbsteinschätzung. Es ist ein Unterschied, ob sich ein Junge vor dem Weggehen im Spiegel betrachtet oder aus seiner Clique heraus eine direkte Rückmeldung zu seinem Style bekommt, oder ob er sich auf einem Bildschirm, auf Instagram oder Facebook sieht und viele andere ihn dort ebenso sehen können – ob es sich nun um eigene Postings handelt oder um Bilder, die andere ins Netz stellen.

Unterschwellig entwickelt sich so ein Modus des permanenten Gender-Castings: Stelle Dich „männlich“ dar, sei „männlicher“, der bessere Mann: Forme dich entsprechend! Üben, Trainieren, auch anstrengende Körpererfahrungen können zu körperlichem Wohlgefühl führen. Die Zufriedenheit mit der eigenen Körperästhetik, der Umstand, dass sich der Junge oder Mann gefällt, ist nährend für das psychische Wohlbefinden. Allerdings liegt diese Erfahrung für nicht wenige in unerreichbarer Ferne, weil die Ziele zu hoch sind oder der Körper nicht mithält. Ein idealisierter männlicher Normkörper lässt sich ja nicht ohne massive Einflussnahme erreichen: Training, Diäten, genussfeindliches Verhalten, einseitige und zielfixierte Praktiken werden notwendig, um sich dem Körperideal anzunähern.

Problematisch ist vor allem, wenn der eigene Körper als Feind gesehen wird. Aus diesem traditionell männlichen Muster, bei dem der Körper mit Härte und Disziplin geformt und ggf. bekämpft werden muss, können sich gesundheitliche Risiken ergeben:
Besonders die Sorge zu dünn zu sein, ist unter jungen Männern verbreitet. Als Ziel gilt der V-förmige, muskulöse männliche Körper.

Das idealisierte Körperbild vieler Jungen und jungen Männer tendiert deshalb in Richtung „Schrank“ oder „Türsteher“. Auf der anderen Seite steht die Befürchtung, „Spargel“ oder „Lauch“ zu bleiben – denn dann droht die Zuschreibung als „unmännlich“ oder als „Loser“. Viele Jungen sind gestresst von der Diskrepanz zwischen Körperideal und -wirklichkeit, sie stehen unter Druck, daran etwas zu ändern. Hohe Erwartungen an den eigenen Körper und die Notwendigkeit die eigene Männlichkeit zu betonen, fallen zusammen. Insbesondere, wenn familiär oder schulisch scheinbar unlösbare Probleme bestehen, läuft der Körper Gefahr, zur letzten Ressource zu werden, die einem niemand nehmen kann. Solche Jungen und Männer scheinen besonders anfällig für Optimierungstendenzen, für eine problematische Dynamik im „Body Enhancement“.

Diät

Normal? Zu viel? Diät!
Viele Jungen sind diäterfahren. Nicht wenige kombinieren Diät und Sport, um das gewünschte Körpergewicht und Körperbild zu erreichen. Sie finden seltener Zugang zu Ernährungsberatung oder Therapie. Etwa drei Viertel (75,7%) der Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland sind normal-gewichtig (zwischen 10. und 90. BMI-Perzentile) (Wöckel 2013). Das Körpergewicht und der BMI steigen während der Pubertät bei Jungen und Mädchen deutlich an. Die Gewichts- bzw. BMI-Zunahme bei Jungen ist dabei deutlich größer: Vom 14. bis zum 17. Lebensjahr nehmen Jungen im Mittel um 10,7kg zu (BMI-Anstieg um 1,6kg/m²), Mädchen dagegen nur um 4,2kg (BMI-Anstieg 0,8kg/m²). Eine deutliche Gewichtszunahme in diesem Alter ist also normal.

Veränderte Körpernormen und Körperbilder können Jungen jedoch die Botschaft vermitteln, sie würden „fett“, obwohl sich ihr Körper völlig gesund entwickelt. Gleichwohl sind auf der anderen Seite tatsächlich viele Jungen übergewichtig oder adipös. In der Gruppe der 18- bis 19-Jährigen beträgt der Anteil 27,6% bzw. 23,4% (Wöckel 2012). Nach den KiGGS-Daten ist von den zehnjährigen Jungen jeder zehnte übergewichtig, 6,7% sind adipös (starkes Übergewicht, BMI >30). Auch die SOEP-Daten bestätigen, dass bei jungen Männern Übergewicht und Adipositas ernstzunehmende Themen sind. Wenn auch die Aussagekraft des BMI – besonders in Grenz- und Randbereichen – umstritten bzw. beschränkt ist: Übergewicht stellt bei Jungen ein Problem dar, das sich nicht nur körperlich, sondern auch auf die soziale und psychische Gesundheit auswirkt. Jungen und junge Männer benutzen körperliche Merkmale häufig, um andere offensiv abzuwerten oder auszugrenzen. Diese Effekte der Abwertung und Ausgrenzung wirken bei übergewichtigen Jungen besonders stark.

Die individuelle Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wird vom erwachsenen Umfeld, der Peergruppe und den Medien befördert. In einer Studie zur sozialen Bedeutung und Stigmatisierung von Adipositas im Kindes- und Jugendalter erhielten übergewichtige und adipöse Jungen mit Ab[1]stand die schlechtesten Sympathiewerte. Ihnen wird signifikant häufiger geringe Intelligenz und Faulheit zugeschrieben als dies bei Mädchen mit derselben Problemlage der Fall ist (Thiel u.a. 2008). Nur knapp 55% der 11- bis 15-jährigen Jungen empfinden ihren Körper als „genau richtig“; jeder fünfte (19,5%) bewertet sich als zu dünn, jeder vierte als zu dick (HBSC 2015). Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht oder Körperbild ist oft Auslöser dafür, dass Jungen oder Männer mit einer Diät beginnen. Als wichtiges Motiv nennen sie: „Spott bezüglich des Dickseins zu stoppen“ (Mangweth-Matzek 2015).

Tatsächlich kommen bei Jungen und jungen Männern Versuche, das Körpergewicht zu beeinflussen, relativ häufig vor. In Deutschland haben nach der repräsentativen EsKiMo-Studie 10% der 12- bis 17-jährigen Jungen Diäterfahrung, 1% hält sogar ständig Diät (Mensink u.a. 2007); nach der HBSC-Stichprobe befinden sich knapp 12% der Jungen in aktiver Diät (HBSC 2015). Hinzu kommt die Körperbeeinflussung durch Sport. Ein nochmals höherer Anteil männlicher Jugendlicher versucht, Aussehen und Körpergewicht zu verbessern, indem sie Sport und Diät verknüpfen und ergänzen: „Die Motivation für Jungen, Diäten durchzuführen, ist die damit verbundene sportliche Leistungssteigerung und der Wunsch, einen athletischen muskulösen Körper zu haben.“ (Wöckel 2013). Von der Motivation und den Zielen her ist das kontrollierte Essverhalten also bei Jungen und Männern nicht nur auf ein Gewichtsziel, sondern zusätzlich auf den Muskelanteil gerichtet (Mangweth-Matzek 2015). Neben der Vermeidung von Abwertung zählen auch bessere Chancen bei der Suche eines Partners bzw. einer Partnerin als Gründe für eine Diät.

Sich zu gefallen oder sich wohlzufühlen im eigenen Körper – dies können durchaus positive Ziele oder Nebeneffekte einer Diät oder anderer Formen der Körpergestaltung sein, solange das Diätverhalten in einem ausgewogenen Rahmen bleibt und sich nicht verselbständigt. Riskant wird es, wenn Diäten einen Zwangscharakter entfalten. Nicht jede Diät von Jungen oder jungen Männern stellt einen Hinweis auf eine mögliche Essstörung dar. Auffällig ist aber, dass Diätverhalten sehr häufig zu Beginn einer Essstörung vorliegt.

Sport

Ein hoher Anteil männlicher Jugendlicher versucht, Aussehen und Körpergewicht zu verbessern. Dafür bieten sich sportliche Aktivitäten an, die aber auch zum Risiko werden können. Sportliche Aktivitäten sind – wie auch bewusste Ernährung oder moderates Körperstyling – grundsätzlich sinnvoll und zunächst positiv zu werten. Allerdings kann auch hier ein Zuviel des Guten problematisch und riskant werden. Zwischen Gesunderhaltung und Gesundheitsgefährdung ist männliche Selbstvergewisserung im Sport ein ambivalentes Feld (Blomberg/Neuber 2017). Neben anderem – wie z.B. Überlastungs- und Verletzungsrisiken – birgt sportliche Betätigung ein Risikofeld für problematisches Ernährungsverhalten. So werden, um sportliche Ziele besser erreichen zu können, der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel oder spezielle Diäten empfohlen sowie der Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln. Das Risiko erhöht sich, je mehr der Sport – hobbymäßig oder (semi-) professionell betrieben – Bedeutung für das Männlich-sein erhält.

Sport dient als Zugehörigkeits- und Erfolgsmarkierung, als Forum der Selbstdarstellung, verbunden mit der Möglichkeit, zumindest im Bekannten- oder Kollegenkreis und im sozialen Nahraum einen „Heldenstatus“ zu erreichen.

Exzessiver Sport wiederum gilt – insbesondere bei Jungen und Männern – als häufige Begleiterscheinung bei Essstörungen, die dann als Sportbulimie bzw. Sport-Anorexie tituliert wird. Anders als das reine Abnehmen, das nur für Mädchen und Frauen als legitimer Selbstzweck erscheint, ist Sport gerade bei Jungen und Männern eine sozial akzeptierte Praxis zur Körperveränderung. Männer, welche die Kriterien für eine Essstörung erfüllen, betreiben häufig exzessive sportliche Aktivitäten, um Essanfälle zu kompensieren. Sie nutzen zu diesem Zweck seltener Abführmittel, Appetithemmer und willkürliches Erbrechen (Fichter /Daser 1987, Sharp u.a. 1994, Mangweth-Matzek 2015, Wöckel 2013).

Als Risikofaktor für die Entstehung von Essstörungen im Zusammenhang mit Sport können hohe bzw. übersteigerte Leistungserwartungen gelten, verknüpft mit dem Eindruck, nicht zu genügen, vorgegebenen Körper- und Erfolgsbildern nicht oder zu wenig zu entsprechen. Viele von Essstörungen betroffene Jungen und Männer hatten zunächst das Ziel, verstärkt Muskeln aufzubauen, was sie durch eine Diät oder durch Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln unterstützen wollten. Im weiteren Verlauf bilden sich mitunter spezielle Wünsche heraus, z.B. ganz gezielt nur bestimmte Muskelpartien aufzubauen, noch weiter abzunehmen oder die Vorstellung, den Körper für den Sport „rein“ zu halten und eine asketische Lebenspraxis zu beginnen.

Die Angst davor, selbst- oder fremdbestimmte Ziele und Leistungserwartungen nicht zu erfüllen oder ganz zu versagen, verstärkt den Druck in Richtung Körpermodifikation. Um die Fähigkeit zu entwickeln solche Anforderungen zu relativieren oder an sich abprallen lassen zu können, wären positive, realistische Körperbilder und ein stabiles Selbstbewusstsein hilfreich. Bemerkungen von Trainern, Mitsportlern oder Eltern können dagegen den Druck erhöhen und beschleunigend wirken: „Ein, zwei Kilo weniger wären gut für dich.“ oder „Wenn du weniger mitschleppst, bis du schneller.“ Sportlicher Erfolg kann ein gestörtes Essverhalten fördern, wenn das Belohnungssystem signalisiert, dass Abmagern oder Muskelaufbau sich rentieren.

Prävention von Essstörungen bei Jungen und Männern

Eine Prävention von Essstörungen bei Jungen und Männern sollte den männlichen Körper auch als Gestaltungs- und Bewältigungsmedium für Männlichkeit verstehen. Sie fragt danach, wie Jungen und Männer ihren Körper für das Junge[1]und Mannsein nutzen und gestalten. Mit Blick auf deren Funktionalität reflektiert sie männliche Körperbilder und Körperideale, ohne diese vorschnell abzuwerten und männliche Schönheitsideale einseitig zu kritisieren.

In diesem Sinn versteht sie riskantes Verhalten und riskanten Umgang mit dem eigenen Körper als eine Art „Selbstmedikation“, die geschlechterbezogen eingefärbt ist. Kontrolle über den eigenen männlichen Körper zu erlangen, kann insofern als ein Versuch verstanden werden, Kontrolle auch über die eigene Männlichkeit, das Leben als Junge oder Mann (zurück) zu gewinnen. Dabei schließt die riskante Bewältigung von Krisen, schwierigen Entwicklungsübergängen oder prekären Lebenslagen in Bezug auf den männlichen Körper eine Ausbildung von Essstörungen prinzipiell mit ein.

Fachkräfte aufgepasst:

Besonders Fachkräfte sollten ihren Aufmerksamkeitsfokus entsprechend weiten, um essgestörte (junge) Männer angemessen unterstützen zu können: Dazu gehört, mit (internalisierten) Ängsten, Depressionen, Zwängen usw. gerade auch dann zu rechnen, wenn deren Bewältigungsformen sich eher männlich-externalisierend zeigen. Für eine passende jungen- und männerbezogene Prävention müssen männliche Lebenslagen und Lebensmuster verstanden und aufgenommen werden. Das betrifft etwa die Berufs-, Leistungs- und Erfolgsorientierung, die Formen der sozialen Beziehungen („Aufgabenbeziehungen“), das verminderte Hilfesuchverhalten, den Wunsch nach Autonomie und Kontrolle, das Vermeiden von Verlierer- und Opferstatus.

Der männliche Körper, die eigene Körpererfahrung und Ernährung sind nicht nur funktionale Risikogebiete, sondern vielmehr auch Ressourcen für Sinn, Beziehung und Wohlbefinden sowie als sinnliche Körpererfahrungen identitätsstiftend. Zu akzentuieren wäre eine langfristig gesündere Bewältigung von Krisen. In der Bewältigungsperspektive darf Mann hier kurzfristig auch mal einseitig „unterwegs sein“, um dann irgendwann wieder zum Ausgleich zu kommen. Das schließt eine „Erlaubnis“ zu männlicher Körpergestaltung, zu männlichen Zugängen in Bewegung und Entspannung mit ein (Neubauer /Winter 2006) – auch die Erlaubnis, Krisen zu bewältigen, indem etwas riskiert wird. Denn wer im Risiko bewältigt, ist aktiv und kein „Loser“. Um aber mittelfristig wieder in eine gute Balance zu kommen, ist gerade die Verknüpfung von Risikokompetenz (Winter 2015) und Selbstfürsorge im Sinn von „Harm reduction“ bzw. Schadensminderung sowie von Krisen- und Gesundheitskompetenz ein wichtiges Präventionsthema für Jungen und Männer.

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