Echte (Erfolgs-)Geschichten echter ehemaliger Betroffener

Hier finden sich – die mir dankenswerterweise zugesandten – Geschichten ehemaliger Betroffener. Ungekürzt, ungefiltert, ungeschönt. Alles echt.

  • M.K.

    Als Teenie habe ich angefangen, die ersten Diäten auszuprobieren. Alles was neu und super effektiv aussah, habe ich getestet. Doch mit jeder Diät wurde ich dicker und dicker. Immer wenn ich in den Spiegel gesehen habe, dachte ich: „Wenn du so weitermachst, dann wiegst du bald 120kg!“. Ich hab mich immer mehr an Ess-Regeln gehalten und dabei immer wieder Heißhunger-Attacken bekommen. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass muss der Jo-Jo Effekt sein, von dem alle reden. Richtig schlimm wurde es ab dem Zeitpunkt, als ich mit meinem Partner zusammenzog, raus aus dem Elternhaus. Ich hatte immer wieder Zeit alleine und so wurden unkontrollierbare Essanfälle zu meiner Routine.

    Wie sieht ein solcher Essanfall dann aus? Wie ein kompletter Kontrollverlust – ich habe unvorstellbar große Mengen in kurzer Zeit gegessen, kaum gekaut, eher geschluckt. Wenn ich für einen Essanfall eingekauft habe, dann habe ich an verschiedenen Stellen eingekauft oder Trenner auf das Kassenband gelegt, damit keiner merkt, wie viel ich kaufe und jemand Verdacht schöpfen könnte. So wurde nicht nur Essen eine Qual, sondern auch das Einkaufen. Ich habe übermäßig viel Geld für Lebensmittel ausgegeben! Irgendwann habe ich aufgehört Sport zu machen oder Diäten einzuhalten, damit bin ich sowieso nur noch gescheitert. Als ich dann mein persönliches Höchstgewicht erreicht habe, wusste ich – so will ich nicht mehr weiterleben. Das muss ein Ende haben! Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich die einzige Person bin, die solche Essanfälle bekommt. Also habe ich mich schlau gemacht…

    Endlich konnte ich diesem ganzen Scheiß einen Namen geben. „Binge-Eating”. Endlich fühlte ich mich so, als wäre ich nicht ganz alleine damit. Ich habe mir Videos und Geschichten von Betroffenen angehört. Und habe gedacht, dass das allein reicht, damit ich es raus schaffe. Ich habe wieder an Wundermittelchen festgehalten, wie z.B. Ernährungsprogramme oder Abnehmtabletten. Natürlich hat das alles nicht geholfen…

    Dann habe ich die Website Esstörung24 gefunden und mir „auf gut Glück“ einen Beratungstermin bei Herr Febry gebucht. Ein Glück online, denn vor Ort hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gehabt. Direkt schon im Beratungstermin habe ich Herr Febry offen gesagt, dass ich glaube, ich habe ein Binge-Eating-Störung und ich habe Angst, dass er mir etwas wegnimmt. Ich weiß nicht mehr wie ein Leben ohne Essstörung geht. Und dieser eine Satz hat mich überzeugt, ich erinnere mich bis heute daran: „Frau K., ich gebe Ihnen eine Krücke an die Hand, damit Sie lernen, ein freies Leben zu leben, ich werde Ihnen gar nichts wegnehmen, versprochen.

    Ich musste nicht lange überlegen, ich war mir sicher, hier bekomme ich Hilfe und hab mir direkt für eine Woche später einen Termin geben lassen. Endlich wurde Klartext mit mir gesprochen. Ich habe eine Selbstwertstörung und eine Essstörung entwickelt – bulimisches Verhalten bis hin zum Binge-Eating. Schlimmer konnte es für mich gefühlt doch sowieso nicht mehr werden, also hab ich einfach jeden Tipp von Herr Febry erstmal gedanklich abgecheckt und dann ausprobiert und es lohnte sich!

    Lange Story kurz:
    Jetzt bin ich seit bald einem Jahr jede Woche Online bei Herr Febry und bin sehr dankbar und auch ein bisschen stolz auf meinen Erfolg. Ich habe meine eigene Wohnung, habe es geschafft, mich von meinem Partner zu trennen, mit dem ich ein WG-ähnliches Leben geführt habe, anstelle einer romantischen Partnerschaft. Ich gehe wieder mit Freude zum Sport, gehe endlich wieder gerne aus und verabrede mich selbständig. Ich habe meine Lebensfreude zurück! Und ich schaffe es Dank der Unterstützung „zusammen, alleine“ mit Herr Febry, dass ich mich mehr und mehr selbst schön finde!

    Ich bin jetzt 26, fühle mich frei und habe das Jahr 2024 gesund gestartet, ich habe keine Essstörung mehr!

  • J.-M. U.

    „Angefangen“ hat meine Auseinandersetzung mit Essstörung sehr klassisch: in der Pubertät, mit Ende 14 (Mitte 2017), und unterbewusst. Ich fühlte mich damals sehr unwohl, rückblickend vor allem sozial, also unter Freundinnen, in meiner Klasse und gegenüber meinen Eltern, die ich früh schon nicht mehr als haltgebende Ansprechpartner*innen wahrgenommen hatte. Zusätzlich hatte ich Probleme mit meiner eigenen körperlichen Entwicklung. Viel später habe ich erfahren, dass Essstörung auch bis zu 70 Prozent genetisch vererbbar ist (bei mir bestätigt sich das durch meine Oma), woraus ich seitdem den Rückschluss ziehe, dass man nur ca. 30 Prozent an Problemen braucht, um sich 100 Prozent scheiße zu fühlen. Ich denke, bei mir waren es wirklich „nur“ viele kleinere Dinge.

    Zwei spezifische Ereignisse befeuerten dennoch meine Abwärtsspirale: Da war ein Junge aus meiner Klasse, der mich mobbte (Hassnachrichten, kleinere körperliche Attacken, Gerüchteverbreitung), seitdem ich ihm einen Korb gegeben hatte. Außerdem erlebte ich meine erste gescheiterte Liebe, die mir erst alles versprochen und mich dann rücksichtslos fallengelassen hatte.

    All das rief den Drang hervor, mein Leben zu verändern –  Ich beschloss, weniger zu essen (ich wusste nichts über Nährwerte und habe das auch erst sehr spät zum Teil meiner Symptomatik gemacht), mehr Sport zu machen, sortierte mein halbes Zimmer aus, kaufte mir neue Kleidung, fing an mich zu schminken…

    Ein paar Monate ging es mir durch meine neuen Verhaltensweisen augenscheinlich besser, bis ich plötzlich meine Tage nicht mehr bekam, was mich sehr schockierte (an diesem Punkt betrieb ich erstmals Internetrecherche und stieß auf den Begriff Anorexie). Ich glaube, dass der Umschlagpunkt ins Destruktive in meinem Kopf schon erreicht war, denn obwohl auch einige Lehrer*innen, meine Eltern und andere mich vermehrt darauf ansprachen, dass ich krank, blass und/oder traurig aussah, reagierte ich darauf nur mit einem abwinkenden Lächeln.

    In dieser Zeit begann ich auch, mich besonders mit meiner drei Jahre jüngeren Schwester zu vergleichen und sie als Maßstab für mein Essverhalten anzusetzen, denn sie war schon immer schmaler als ich und verkörperte für mich das klassische bemitleidenswerte Kind, was ich als große Schwester nie gewesen war. Das war dann Auslöser für eine furchtbare, kräftezehrende Phase, in der meine Schwester ebenfalls in die Essstörung rutschte (auch lange nach meiner „Heilung“ habe ich noch mit Schuldgefühlen deswegen gekämpft):

    Wir konkurrierten darum, wer weniger aß, mehr Sport machte, stritten wahnsinnig oft und intensiv und brachten meine Eltern damit zur völligen Überforderung. Meine ganze Familie litt unheimlich und hat sich in Teilen bis heute nicht davon erholt, damals wollte ich das aber natürlich nicht wahrhaben, weil meine Schuldgefühle zu groß gewesen wären.

    Anfang 2018 versuchten meine Eltern, die Reißleine zu ziehen, schleiften mich zum Arzt und ich bekam medizinisch erstmals die „Diagnose“ Untergewicht. Von August bis Dezember 2018 war für mich jedoch ein Auslandsaufenthalt in Kanada geplant und meine Eltern rangen mir das Versprechen ab, bis dahin wieder im Normalgewichtsbereich zu sein. Ab da fing ich an, sie (und mich) zu belügen, denn ich wollte nicht so viel und nicht so schnell zunehmen, wie sie es erwarteten. Ihre wöchentliche persönliche Überprüfung meines Gewichts ließ unsere Beziehung endgültig ins Toxische abdriften. Damals betrieb ich auch weitere Recherchen, rutschte in viele Symptomatiken (tägliches Wiegen, Kalorienzählen bis in den Nachkommastellenbereich, täglich Sport, genaueste Betrachtung im Spiegel…), steigerte mich selbst gedanklich immer tiefer in die Anorexie hinein. Gleichzeitig lehnte ich Therapie ab, tat nach außen hin so, als ginge es mir besser, und wünschte mir innerlich einen Neuanfang in Kanada.

    Tatsächlich ließen mich meine Eltern schweren Herzens nach Kanada fliegen, aber dort angekommen bemerkte ich schnell, dass der Zug für mich schon lange abgefahren war, denn trotz meiner eigenen Bemühungen, mein Verhalten in den Griff zu bekommen, gelang mir dies nicht. Der „Todesstoß“ erreichte mich dann, als ich am Telefon erfuhr, dass meine kleine Schwester in eine Akutklinik eingeliefert worden war. Ich brach buchstäblich zusammen, wollte nach Hause und realisierte, dass ich so viel von meinem Leben an meine Essstörung abgegeben hatte (ich war in Kanada und hatte praktisch kaum etwas davon, weil es mir so schlecht ging, hatte das Jahr davor so viele Kontakte und Interessen verloren…). Früher als geplant flog ich zurück, kam an meinem gesundheitlichen Tiefpunkt in Deutschland an (Muskelschwäche im rechten Fuß, konstantes Frieren) und verbrachte die Zeit zwischen den Jahren mit Besuchen bei Ärzten und Therapeuten als Vorbereitung für einen freiwilligen Rehaklinikaufenthalt.

    Der Start in der Klinik Lüneburger Heide fühlte sich dann aber alles andere als freiwillig an, denn es gab natürlich Vorschriften, denen ich zu folgen hatte. Was ich rückblickend als noch schlimmer empfand, waren allerdings die zahlreichen Mitpatient*innen mit noch extremeren Verhaltensweisen. Sie brachten mich in meinem Zustand zunächst dazu, mir noch mehr Symptomatik anzueignen, da ich mir „nicht krank genug“ vorkam, andererseits gab es auch so viele inspirierende Menschen, die mich durch ihr Kämpfen daran erinnerten, dass ich mein Leben zurückwollte.

    Ich bemerkte dann recht schnell, dass ich mit der mir zugeteilten Therapeutin nicht viel anfangen konnte und setzte mich dafür ein, Einzeltherapie bei einem anderen Therapeuten zu bekommen. Dieser Therapeut forderte mich in meiner ersten Einzeltherapie bei ihm ohne Umschweife auf, meine gesamte (vor dem Klinikpersonal geleugnete) Symptomatik fallen zu lassen, um herauszufinden, was wirklich dahinterstehe. Das gab mir intensiv zu denken, denn mir hatte noch nie jemand so direkt gesagt, psychische Krankheit sei eine mehr oder weniger genetisch vorprogrammierte Verdrängungsstrategie. Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn auch stark daran gezweifelt habe – im Gegenteil, ich wollte diesem auf mich verschmitzt wirkenden Therapeuten beweisen, dass durch das Beenden meiner Verhaltensweisen eben gerade keine tiefgreifendere Schicht meines Bewusstseins ausgegraben würde.

    Völlig überrollt wurde ich dann von der Erkenntnis, dass die selbstständige Unterbindung meiner Symptomatik bei mir tatsächlich ganz neuen Gefühlen und Erinnerungen Raum schaffte. Ich realisierte, dass meine Probleme um Einiges tiefer lagen, als dünn sein zu wollen, was ich bis heute als sehr erleichternd empfinde. Zugleich erklärten all diese aufgedeckten Probleme rückwirkend mein Verdrängungsverhalten. Mich persönlich machen solche Erkenntnisse, die es in meinem Leben immer noch ab und an gibt, sehr glücklich.

    Das soll aber auf keinen Fall heißen, dass es leicht ist und auch damals schon leicht war, diese Probleme konstruktiv anzugehen: Während meines fünfmonatigen Aufenthaltes in der KLH gab es viele Momente, in denen ich an meine Grenzen gestoßen bin oder darüber hinaus gefordert wurde. Gerade zum Ende meines Aufenthalts ging es bei mir innerlich eher bergab als bergauf, ich kämpfte mit der Idee, in mein „altes“ Leben zurückkehren zu müssen, was ich aber natürlich niemanden wissen ließ, um dennoch entlassen zu werden.

    Die ersten Monate zu Hause waren furchtbar, ich war mit den Überresten meines Lebens konfrontiert, in das ich nicht mehr passte und passen wollte. Obwohl ich nicht wieder in die Essstörung rutschen wollte, passierte genau das und ich fühlte mich überfordert und von meinen Eltern dafür verurteilt, da meine ebenfalls aus der Klinik entlassene kleine Schwester sich die ersten Monate deutlich besser hielt als ich. Am letzten Tag unseres katastrophalen Familien-Sommerurlaubs unterbreiteten mir meine Eltern dann, dass ich auf dem Rückweg für einen zweiten Aufenthalt in der KLH abgesetzt würde – diese Drohung ließ mich wie an einem Gummiband zurück in die Realität schnappen und ich änderte unter immenser Anstrengung noch am selben, letzten Urlaubstag mein essgestörtes Verhalten.

    Die Wochen und Monate danach waren noch sehr schwierig für mich, ich kämpfte an so vielen Stellen gleichzeitig (Familie, Schule, ambulante Therapie…). Aber vor allem die Kurszusammenstellung in der Oberstufe machte es mir (mit viel Mühe) möglich, mir endlich Freunde zu suchen, bei denen ich mich wohlfühlte. Auch meine neue Therapeutin zu Hause erwies sich als passend für mich, sodass sie mich fast drei Jahre lang begleitete. Einzelne essgestörte Verhaltensweisen hielten sich insgesamt hartnäckiger als andere, trotzdem ging mein Leben fließend von Existenz zu Erfüllung über, ich hatte einfach nicht mehr den Drang, meine Essstörung auszuleben, weil ich buchstäblich „Besseres zu tun“ hatte.

    Selbst die Pandemie mit dem ersten harten Lockdown im folgenden Jahr, der Tod meines Opas, mein Abiturstress und meine familiäre Situation, die sich im Hinblick auf meine Schwester wieder anspannte (bis heute regelmäßige Klinikaufenthalte), waren für mich nie Grund genug, meinen Ausweg in der Essstörung zu suchen. Abgesehen von meinen unumkehrbaren Erkenntnissen über mich und mein Leben war ich auch einfach zu stolz, um mir eine Niederlage in Form eines zweiten Klinikaufenthaltes einzuhandeln und hing zu sehr an meinem neu errichteten Leben, um es wieder aufzugeben.

    Ein Punkt, der mir mein Leben nochmal wesentlich erleichterte, war dann mein Auszug nach dem Abitur, der mir eigentlich auch schon früher gutgetan hätte, denn seitdem habe ich endlich Raum, mich auf mich zu konzentrieren. Über die vergangenen Jahre habe ich für alles, was mir durch meine Essstörung passiert ist und/oder ermöglicht wurde, eine wachsende Dankbarkeit entwickelt: In erster Linie für meinen immensen Erfahrungsschatz aus der Therapie und meinen Freundeskreis, der auch heute noch meine Art von Familie verkörpert.

    Mittlerweile studiere ich in Paris, bin seit über einem Jahr in einer Beziehung und um einen Gewinn in der Show „Wer wird Millionär“ reicher. Jedes Jahr überkommt mich am Jahresende dann das Gefühl, dass ich mir ein Jahr zuvor nichts von alledem hätte träumen lassen, was in der Zwischenzeit passiert ist. Ich freue mich auf alles, was noch kommt, denn so oder so werde ich es überstehen und daran wachsen!

  • S. A.

    Meine Essstörung und wie sich mein Zustand verbesserte

    Ich dachte, es würde niemals besser und anders werden. Seit ich 15 bin, leide ich an einer Essstörung – Anorexia nervosa. Es ist unmöglich, meine Gedanken in Worte zu fassen; geschweige denn für Außenstehende zu erklären. Aber für Betroffene kann ich beschreiben, was mir persönlich geholfen hat.

    Seit Jahren litt ich an ausgeprägtem Bewegungsdrang, hatte unzählige Ess-Regeln, Zwänge und ritt mich selbst immer tiefer in die Essstörung rein.

    Das erste Mal, dass ich meine Verhaltensweisen hinterfragte, war bei meinem zweiten Klinik Aufenthalt.

    An meinem neunzehnten Geburtstag wurde ich dort aufgrund eines Perikadergusses in den Rollstuhl gesetzt. Weil meine Familie nicht gewohnt war, dass sie mich schieben mussten und ich nicht selbst durch die Gegend lief oder sprang, vergaßen sie mich nach dem Kaffee kurz in der Cafeteria. Alle lachten, weil die Situation so paradox war.

    Ich lachte mit, schämte mich aber ungemein dafür. Da wurde mir klar, dass ich meine Situation selbst in der Hand habe und zumindest die Rollstuhl Situation verändern könnte, wenn ich mich anstrengte und stärker würde.

    Also sagte ich mir, dass ich das „Rollstuhl Programm“ mitmache und tat alles, wie es von mir vom Klinik Personal verlangt wurde. Ich ließ mich durch die Klinik fahren, setzte mich auf dem Zimmer endlich hin, um mein Buch zu lesen und wurde innerlich ruhiger. Erst da verstand ich, wie schlimm es wohl um mich stand. Es gab sehr schwere Momente, aber ich sagte mir, dass ich zumindest bis zur nächsten Untersuchung durchhalte und versuche, nicht auf die Essstörung zu hören. Denn durchhalten kann ich.

    Tatsächlich durfte ich nach einer Woche wieder selbst laufen und nahm das Gefühl des Gehens nun viel intensiver wahr. Ich lernte es auf einmal wertzuschätzen, dass ich selbst dahin laufen durfte, wohin ich wollte. Dieses Gefühl wollte ich behalten, also gab ich mir Mühe, mich gegen meinen exzessiven Bewegungsdrang zu wehren. Auf einmal tat ich es für mich und nicht, weil die nächste Untersuchung Freiheit bedeutete.

    Diese Strategie wandte ich auch beim Essen an. Ich wollte meine Sache gut machen und hörte mit Tricksereien auf. Das fiel mir erstaunlich leicht, weil ich einen Alles oder Nichts-Cut setzte. Kein Geschmiere, Zerstückeln, Verschwinden lassen von Essen und kein Vortrinken beim Wiegen mehr. Ich war so durch mit den Verheimlichungen.

    Und ich versuchte bei der Menü Auswahl mittags das auszuwählen, worauf ich mehr Lust und Appetit hatte – auch wenn es mehr Kalorien als die andere Option bedeutete. Das war sehr schwer.

    Aber nach ein paar Tagen schaffte ich es das erste Mal. Ich wollte Milchreis mit Kirschkompott statt Rote Beete Klöße und Kohlrabi Gemüse. In mir schrie alles. Ich wollte es schaffen, aber ich hatte solche Angst vor den schlimmen, terrorisierenden Gedanken als Konsequenz.

    Ich wollte wegrennen wie immer, rennen rennen rennen. Ich wollte Dinge zerschlagen, schreien – aber bloß nicht das Kreuz bei Milchreis setzen.

    In meinem wilden Gedanken Geschrei bemerkte ich einen ruhigen Gedanken namens Fuck it, und auf den hörte ich. So machte ich das einige Male und es wurde leichter. Ich schmeckte mehr, schmeckte Gewürze und Aromen, nicht mehr bloß Nummern.

    Diese Strategien wandte ich auch im Alltag nach meiner Entlassung aus der Klinik weiter an. Es war dort noch schwerer. Aber ich führte mir immer wieder vor Augen: entweder sieht mein Leben jetzt so aus und ich verrecke irgendwann an der Essstörung oder ich versuche, das Unbekannte zu erforschen.

    Ich wurde flexibler und auf einmal war ich körperlich in der Lage, zu studieren. Ich hatte Freunde und mein Leben drehte sich um etwas anderes als Essen und Bewegung. Es ging mir immer besser.

    Ein weiterer wichtiger Schritt war für mich der Auszug aus dem betreuten Wohnen. Mit Essstörungen in meinem Alltag wollte ich nichts mehr zu tun haben, außer während meiner Therapie Sitzungen. Ich war es leid, jeden Tag vor und nach der Uni die Probleme meiner essgestörten Mitbewohnerinnen mitzubekommen. Es machte mich unglaublich wütend zu sehen, dass sie sich nicht ausreichend wehrten und sah dadurch die Gefahr, dass auch ich meine gesunden Gedanken hinterfragen würde – so wackelig war meine Erfolgsstrategie noch. Ich wollte mich selbst beschützen und zog in eine „normale“ WG. Diese Entscheidung hat mich enorm nach vorne gebracht, aber es hätte auch massig schief gehen können.

    Jedoch wollte ich nicht, dass es wegen mir selbst schief ging. Ich strengte mich nur noch mehr an, ertappte mich regelmäßig, wenn ich mich selbst verarschen wollte und lebte mein Leben weiter. In dieser Zeit lernte ich meine jetzige beste Freundin an der Uni kennen, die mit alldem nichts zu tun hatte. Dass ich sie aus diesem neuen Kontext kannte, half mir ungemein und ich glaube, dass es mir ohne sie und ihre Hilfe heute nicht so gut ginge. Wir unternahmen ganz normale Sachen und sie gab mir die Möglichkeit, mich ihr mitzuteilen, wenn ich Probleme hatte. So wurde ich immer stärker und die essgestörten Gedanken weniger.

    Heute kommt mir das Alles vor wie in einem anderen Leben. Die Stimme der Essstörung höre ich nach wie vor jeden Tag. Aber ich habe gelernt, diese Gedanken auszusondern und zu rationalisieren. Das was ich mir aufgebaut habe, möchte ich nicht mehr verlieren. Mein Leben ist so angenehm geworden. Es macht einfach richtig viel Spaß. Und das hätte ich mir bis vor drei Jahren noch niemals vorstellen können.

  • E. S.

    Für einen Lyrik-Wettbewerb in der Schule habe ich vor Kurzem ein Gedicht zum Thema „Mut“ geschrieben, welches im Nachhinein jedoch eher eine Beschreibung dessen ist, wie es für mich ist und war, gesund zu werden.

    Ich bin unsicher, ob Sie etwas mit diesem Gedicht anfangen können, aber in schlechten Momenten gibt es mir Hoffnung. Vielleicht kann es ja auch über Sie weiteren Betroffenen Hoffnung schenken, oder zumindest ein gutes Gefühl geben. Es muss auch nicht zwangsläufig mit einer Essstörung in Verbindung gebracht werden, es war aber nun der Fall bei mir.

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    Das Blumenmädchen

    Da war sie, schon wieder die Angst
    wie auf ihr‘n Blüten der Regen
    sodass sie in ihr ertrank.
    Fand sich auf Irrwegen
    Wie Moose im Staub
    Konnt‘ sich nicht bewegen
    Sie war wie taub.

    Befand sich in Trauer, vermisste sich selbst
    ist in sich gefangen
    In tiefem Gehölz.
    Es war einst recht nützlich,
    bot Schutz vor Eiskälte,
    die Zweifel es ausglich
    doch Freude abschellte.

    Klemmt ein ihre Blätter – die Blüten, sie welken
    wird steif und wird starr
    wie getrocknete Nelken.
    Sie weiß es braucht Mut,
    Mut sich selbst zu entdecken
    zu stoppen was sie tut,
    sich nicht länger verstecken.

    Sie muss offen sprechen – ein Wurzelgedehn
    einnehm‘ was ihr zusteht
    Hoffnung neu säen.
    Weiß dass der Weg hart wird,
    Misstrauen erglühen,
    dass oftmals geirrt wird,
    doch Freiheit erblühen.

    Sie schafft‘s sich zu öffnen – die Knospen sie sprießen
    im Rein‘ mit sich selbst
    kann sie damit abschließen
    Kann ihre Meinung nun teilen
    wie gut ihr das tut!
    Sie kann endlich heilen
    und bei ihr Freimut.

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