Anorexia nervosa

Die am längsten bekannte und am besten untersuchte Form der Essstörung ist die Anorexia nervosa (AN). Als Prototyp berühmter (historischer) Persönlichkeiten mit einer AN gilt bis heute Franz Kafka, der in seiner Erzählung Der Hungerkünstler (1924) das Erleben autobiographisch beschreibt. Bei der AN beziehungsweise (im antiken Sprachgebrauch: Magersucht) wird durch ein restriktives Essverhalten und andere Verhaltensweisen ein beträchtlicher Gewichtsverlust selbst herbeigeführt. Untergewicht entsteht oder wird beibehalten. Das Körpergewicht liegt bei erkrankten Erwachsenen unterhalb von 17,5 kg/m² (Body-Maß-Index, BMI). Bei Kindern und Jugendlichen wird als Definitionskriterium die 10. Altersperzentile vorgeschlagen. Betroffene zeigen trotz eines bestehenden Untergewichts eine deutliche Angst vor Gewichtszunahme. Um das Körpergewicht niedrig zu halten oder zu reduzieren, wird die Nahrungsmenge bzw. -auswahl eingeschränkt. Häufig entstehen Essrituale wie z.B. langsames Essen. Bei einem Teil der Betroffenen kommt es – insbesondere bei längerer Krankheitsdauer – zu Essanfällen. Zur Gewichtskontrolle können selbstinduziertes Erbrechen, der Missbrauch von Laxanzien, Diuretika oder andere Medikamente hinzukommen. Unterschieden wird demzufolge zwischen einem restriktiven und einem bulimischen Typus mit sog. Purging-Verhalten (Erbrechen, Missbrauch von Medikamenten etc.). Ferner wird bei fast allen Patientinnen ein gesteigerter Bewegungsdrang bis hin zu exzessiver körperlicher Betätigung beobachtet. Symptomatisch sind eine gestörte Wahrnehmung der eigenen Figur (Körperschemastörung) und das unbeirrbare Verkennen des objektiv bestehenden Untergewichts. Bei Frauen, bei denen die Periode bereits eingesetzt hatte, bleibt zudem die Menstruation aus.

Diagnosekriterien

ICD-10

ICD-10 Diagnosekriterien

Diagnostische Kriterien für Anorexia nervosa (F50.0); Anorexie ohne aktive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (F50.00); Anorexie mit aktiven Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (F50.01) nach ICD-10

A. Gewichtsverlust oder bei Kindern fehlende Gewichtszunahme. Dies führt zu einem Körpergewicht von mindestens 15% unter dem normalen oder dem für das Alter und die Körpergröße erwarteten Gewicht.
B. Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch Vermeidung von „fettmachenden“ Speisen.
C. Selbstwahrnehmung als „zu fett“ verbunden mit einer sich aufdrängenden Furcht, zu dick zu werden. Die Betroffenen legen für sich selbst eine sehr niedrige Gewichtsschwelle fest.
D. Umfassende endokrine Störung der Achse Hypothalamus-Hypophyse-Gonaden; sie manifestiert sich bei Frauen als Amenorrhoe, bei Männern als Interessensverlust an Sexualität und Potenzverlust. Eine Ausnahme stellt das Persistieren vaginaler Blutungen bei anorektischen Frauen dar, die eine Hormonsubstitution erhalten (meist als kontrazeptive Medikation).
E. Die Kriterien A. und B. für Bulimia nervosa (F50.2) werden nicht erfüllt.

Spezifizierung des Typs
Restriktive Form (F50.00): Anorexie ohne aktive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (Erbrechen, Abführen etc.); auch als asketische oder passive Form des Anorexie bezeichnet.
Bulimische Form der Anorexie (F50.01): Anorexie mit aktiven Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (Erbrechen, Abführen etc. u.U. in Verbindung mit Heißhungerattacken); auch als aktive Form der Anorexie bezeichnet.

(nach Dilling & Freyberger, 2011)

Ausschlusskriterien

Ausschlusskriterien

Ausschluss: Appetitverlust (R63.0) Psychogener Appetitverlust (F50.8) Atypische Anorexia nervosa (F50.1)

Im Rahmen der Differentialdiagnose müssen zunächst andere möglichen Ursachen für den Gewichtsverlust ausgeschlossen werden, insbesondere bei atypischen Symptomen. Als andere Ursachen kommen medizinische Krankheitsfaktoren, z.B. gastrointestinale Erkrankungen, Hirntumore, verborgene Malignitäten oder AIDS, in Frage.

Auch bei anderen psychischen Erkrankungen kann es zu einem erheblichen Gewichtsverlust kommen, etwa bei einer Major Depression. Im Gegensatz zur AN wird die Gewichtsabnahme aber weder gezielt angestrebt noch ist eine Zunahme mit erheblichen Ängsten besetzt.

In einigen Teilbereichen weist eine Anorexia nervosa Überschneidungen mit den Kriterien der Sozialen Phobie, der Zwangsstörung oder der Körperdysmorphen Störung auf. Wenn sich die sozialen Ängste nicht allein auf das Essverhalten beschränken, kann eine zusätzliche Diagnose der Sozialen Phobie in Betracht gezogen werden. Analog dazu sollte die Diagnose der Zwangsstörung angedacht werden, wenn es sich um nicht nahrungsbezogene Zwangshandlungen bzw. -gedanken handelt. Ebenso sollte die Diagnose der Körperdysmorphen Störung nur vergeben werden, wenn sich die Störung nicht auf Figur und Körperumfang bezieht.

DSM-V

DSM-V Diagnosekriterien

Diagnosekriterien der Anorexia Nervosa (307.1)

Eine in Relation zum Bedarf eingeschränkte Energieaufnahme, welche unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Entwicklungsverlauf und körperlicher Gesundheit zu einem signifikant niedrigen Körpergewicht führt. Signifikant niedriges Gewicht ist definiert als Gewicht, das unterhalb des Minimums des normalen Gewichts, oder bei Kindern und Jugendlichen, unterhalb des minimal zu erwarteten Gewichts liegt.
Ausgeprägte Angst vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, oder dauerhaftes Verhalten, das einer Gewichtszunahme entgegenwirkt, trotz des signifikant niedrigen Gewichts.
Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur oder des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung oder anhaltende fehlende Einsicht in Bezug auf den Schweregrad des gegenwärtig geringen Körpergewichts.

Man unterscheidet zwei Typen der Magersucht:

Restriktiver Typ: Während der letzten 3 Monate hat die Person keine wiederkehrenden Essanfälle gehabt oder kein „Purging“-Verhalten (d.h. selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxanzien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt. Dieser Subtyp beschreibt Erscheinungsformen, bei denen der Gewichtsverlust in erster Linie durch Diäten, Fasten und/oder übermäßige körperliche Bewegung erreicht wird.
Binge-Eating/Purging-Typ: Während der letzten 3 Monate hat die Person wiederkehrende „Essanfälle“ gehabt oder „Purging“-Verhalten gezeigt (= Reinigung; d.h. selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxanzien, Diuretika oder Klistieren).

Für Wissenswertes um Prävalenz-Raten (wie oft erkrankt jemand), Hintergründe und Einflussfaktoren und vieles mehr klickst du auf die Überschriften:

Prävalenz-Raten (Häufigkeit der Erkrankung)

Für die Anorexia nervosa werden in der Literatur Prävalenzen zwischen 0,2 und 3,7% genannt, wobei etwa 8 bis 19 von 100.000 Menschen pro Jahr neu erkranken. Die höchsten Inzidenzraten, teils von 50 bis zu 1000 von 100.000 Neuerkrankungen pro Jahr ergeben sich bei jungen Mädchen im Alter von 10 bis 19 Jahren, die Erstmanifestation erfolgt normalerweise vor dem 35. Lebensjahr. Einige Autoren gehen davon aus, dass die AN die dritthäufigste chronische Erkrankung bei Mädchen unter 18 Jahren darstellt und sie im Kindes- und Jugendalter seit den 60er Jahren weiter zugenommen hat. Andere diskutieren, dass der vermeintliche Anstieg viel eher an verbesserter Diagnostik liege. Männer erkranken im Verhältnis von etwa 1:10 deutlich seltener an einer AN.

Wer bekommt Anorexia nervosa?

Es gibt keine einzige Ursache für Anorexie, aber es gibt Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von Anorexie erhöhen. Diese können biologisch, psychologisch und sozial sein.

Anorexia nervosa entwickelt sich in der Regel während der Adoleszenz und hat im Allgemeinen ein früheres Erkrankungsalter als Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung (letztere werden oft in der späten Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter entwickelt). Wie alle Essstörungen kann sich Anorexie jedoch in jedem Alter oder Lebensabschnitt für Menschen jeden Geschlechts, einschließlich Männern, entwickeln. Es ist ein Mythos, dass nur jugendliche Mädchen „Magersucht“ entwickeln.

Die Forschung zu Essstörungserkrankung, insbesondere Anorexia nervosa steckt noch in den „Kinderschuhen“, es wird jedoch vermehrt vermutet, dass Anorexia nervosa eine mäßig bis hohe genetische Vererbbarkeit hat (bis zu 60%). Die laufende Forschung auf diesem Gebiet analysiert Hunderte von Genen, die die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Essstörung beeinflussen können. Ziel dieser Untersuchungen ist natürlich, die Behandlung zu verbessern und sogar der Erkrankung vollkommen vorzubeugen. Das weltweit größte (mir bekannte) Projekt ist die Eating Disorders Genetic Initiative (EDGI).

Andere Forschungen zeigen auch, dass Frauen mit Autismus eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, eine Anorexia nervosa zu entwickeln. Es scheint, dass bis zu 20-35% der Frauen mit Anorexie auch die diagnostischen Kriterien für Autismus erfüllen (wobei es viele Überschneidungen mit zwanghaften Persönlichkeits-Strukturen gibt). Symptome und Behandlung für Menschen mit Autismus und Anorexia nervosa erfordern oft ein sehr individuelles Behandlungskonzept.

Ätiologie: Biologische Faktoren

Bei der Anorexia nervosa kommt es durch verminderte Nahrungszufuhr zu einem Starvationssyndrom, einer  Sparschaltung des Organismus, die zu einer Verringerung des Sympathikotonus (Bradykardie, Hypotension, Dysregulation der Körpertemperatur) und hormonellen Veränderungen (mehr Kortisol, weniger Sexualhormone) führt. Bestimmte Peptide und Neurotransmitter steuern die Aktivität des lateralen Hypothalamus („Esszentrum“) sowie den medialen Hypothalamus („Sättigungszentrum“). Es wird vermutet, dass sich im Verlauf der Erkrankung das Hunger- und Sättigungsgefühl auf neuronaler Ebene verändert. Das Corticotropin-releasing-Hormon, Cholecystokinin, Glukagon, Bombesin, Gastrin-releasing-Peptid, Somatostatin, Leptin und das Monoamin Serotonin bewirken eine Reduktion der Nahrungszufuhr. Das Peptid YY, das Neuropeptid Y, Galanin, Dynorphin, B-Endorphin, Growth-hormone-releasing-Hormon und das Monoamin Noradrenalin bewirken eine Erhöhung der Nahrungszufuhr. So führt u.a. Stress zu einer Veränderung der sonst typischen Ernährungsverhaltensweise, wie z. Bsp. zum Frustessen.

Nach der Set-point-theory besteht in dem biologischen Regelkreis ein Sollwert u.a. auch für das eigene Körpergewicht, bei Essstörungen wird dieses Gleichgewicht empfindlich gestört, was wiederum zu Stress führt. Einige Studien fanden eine Monoaminabnormalität bei essgestörten Patientinnen, auch bei genesenen konnte später ein gestörter Serotonin Haushalt beobachtet werden, Serotonin-Wiederaufnahme-hemmende Medikamente sind für die akute Behandlung von BN begrenzt und bei AN so gut wie unwirksam.

Zwillingsstudien zeigten eine Konkordanz für Essstörungen bei monozygoten gegenüber dizygoten Zwillingen was für eine genetische Ursache spricht. Da der Serotoninstoffwechsel sowohl die Nahrungszufuhr als auch die Stimmung beeinflusst, wurden genetische Assoziationsstudien, wie z. Bsp. Price-Foundation-Studien die  durchgeführt, die für den restriktiven Typus der AN relevante Genorte auf Chromosomen 1,2 und 13 ergeben. Die Analyse zugrundeliegender genetischer Mechanismen, u.a. bei der Gewichtsregulation ergab, dass eine Veränderung der DNA-Methylierung zur Dysregulation genetisch kontrollierter Prozesse auch im ZNS führt und Einfluss auf das Verhalten, die Kognition und Wahrnehmung hat. Weiterhin wurde die Bedeutung des Leptinspiegels im Behandlungsverlauf untersucht. Zu starker Anstieg erwies sich als Prediktor für einen Rückfall und es wurde ein Referenzbereich für den Serumleptinspiegel zur besseren Differenzialdiagnose erstellt.

Ätiologie: Soziokulturelle Faktoren

Prinzipiell lassen sich unspezifische und spezifische Faktoren unterscheiden:

Als unspezifische Faktoren, die einer Essstörung vorausgehen können, gelten u. a. elterliche Psychopathologie, Missbrauch, defizitäre Impuls- und Emotionsregulation, Familiendiäten mit vermehrter Beschäftigung mit der Figur, kritische Kommentare über Essen, Körperform oder -gewicht sowie elterliche Vernachlässigung in der Kindheit, wie z. Bsp. hohe Erwartungen, wenig Kontakt, Uneinigkeit zwischen den Eltern. Sexueller Missbrauch ist in der Anamnese essgestörter Patientinnen in etwa so häufig wie bei anderen psychischen Störungen, jedoch finden sich häufiger Impulsivität, Perfektionismus sowie dichotomes Denken.

Spezifische Faktoren sind beispielsweise Sorgen über Gewicht und Figur, Diäthalten, familiäre Transmission von Essverhalten oder Stigmatisierung und Hänseleien bei Übergewicht. Häufig diskutiert wird der Nahrungsüberfluss in Industrieländern als die wahrscheinlichste Ursache, da in Entwicklungsländern oder Kulturen ohne Nahrungsüberfluss Essstörungen nur sehr selten auftreten. Die Stigmatisierung von Übergewicht führt zusätzlich zu einem Schlankheitsideal, welches häufig mit Schönheit und Erfolg gleichgesetzt wird. Infolge entwickelt sich ein Fitnessideal, welches beide Geschlechter betrifft, wobei aber vor allem bulimische Männer sich eher an einem muskulösen als an einem schlanken Körperbild orientieren. Vor allem junge Frauen mit mangelndem Selbstvertrauen unterliegen diesem Druck. Essstörungen scheinen vor allem in höheren sozialen Schichten vorzukommen, hängen jedoch nicht vom Grad der Urbanisierung ab. In manchen Berufsgruppen, in der Aussehen und Figur eine wesentliche Rolle spielen, wie z. B. die Modebranche oder Balletttanz, scheint das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, erhöht.

Ätiologie: familiäre und soziale Faktoren

Als auslösende bzw. aufrechterhaltende Faktoren gelten vor allem vermehrtes Stresserleben durch kritische Lebensereignisse, Konditionierungseffekte hinsichtlich Nahrungsaufnahme, unkontrolliertes Ess- und Ernährungsverhalten, Übergewicht in der Familiengeschichte, Auseinandersetzung mit der körperlichen Reifung und Identitätsbildung als Frau, die Lösung von primären Bezugspersonen und die Entwicklung eines autonomen und erwachsenen Selbst. Konkrete Auslöser sind z. Bsp. reale oder fantasierte Trennungen vom Elternhaus, Ende der Schulzeit, Schüleraustausch oder Au-Pair-Aufenthalte, Tod naher Angehöriger, erste Partnerschaften oder der Beginn der Pubertät mit ihren alterstypischen Verunsicherungen. Weiterhin gelten Persönlichkeitseigenschaften wie niedriger Selbstwert oder Perfektionismus als stabile Charaktereigenschaften bei essgestörten Patientinnen, so machen sich Patientinnen deutlich öfter Gedanken darüber, Fehler im Alltag zu vermeiden, und zweifeln häufiger an der Korrektheit ihres Verhaltens.

Risikofaktoren & Mortaliät

Speziell bei der Behandlung einer ausgeprägten AN ist das Auftreten einer metabolischen Entgleisung: das sogenannte „Refeeding-Syndrom“ nicht unwahrscheinlich. Beginnen extrem untergewichtige Patientinnen wieder regelmäßig zu essen, können im Extremfall Herzinsuffizienz, Lungenödemen, neurologische Symptome oder ausgeprägte Infektanfälligkeit sowie Wassereinlagerungen und Schmerzen in den Gelenken auftreten. Aufgrund des gesteigerten Nährstoffbedarfs kommt es zu erheblichen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverschiebungen vom extrazellulären in den intrazellulären Raum sowie einem Abfallen von Phosphat und Kalium im Serum.

Anorexia nervosa gehört zu den gefährlichsten Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter, die mit einem bis zu 10-fach erhöhten Mortalitätsrisiko einhergeht, von denen etwa ein Drittel auf Suizide zurückzuführen sind. Die Todesursache steht meist im direkten Zusammenhang mit der Mangel- und Fehlernährung und dessen Folgen, wie z. Bsp. schwere Infektionen, besonders der Lunge oder den Folgen eines Herz-Kreislauf-Versagens. In der Literatur finden sich Mortalitätsraten zwischen 2,3 % und 9,8% für die AN und zwischen 1 % und 2,3 % für die BN (14, 33).

Prädiktoren (Entstehung, Behandlungserfolg)
  • BMI zu Beginn
  • Schweregrad der Symptomatik
  • bisherige Dauer der Erkrankung
  • Gesamtdauer des stationären Aufenthalts
  • Alter zu Studienbeginn
  • Zahl bisheriger Behandlungen
  • Ersterkrankungsalter
  • Schlankheitsideal
  • Diät- und Aktivitätsverhalten
  • Selbstwert
  • Angst
  • Zwanghaftigkeit
  • Depressivität
  • Somatisierung
  • Impulsivität
  • Hilflosigkeit
  • umfangreiche sexuelle Tabus in der Herkunftsfamilie
  • sexuelle Probleme generell
  • sexuelle Probleme mit Männern
  • Erfolgsorientierung
  • Anspruchsgedanken
  • Feindseligkeit

Feedback ehemaliger Betroffener (nur ein kleiner Auszug)

Als ich abnahm, begann ich mich müde zu fühlen und das machte mich depressiver. Ich konnte in der Schule nicht klar denken oder mich konzentrieren. Alles, woran ich denken konnte, war Essen, weil mein Gehirn und mein Körper sich danach sehnten. Ich erkenne jetzt, dass ich unter den Auswirkungen des Hungers litt. 

Ich litt ab dem Alter von 12 Jahren an einer Essstörung und wollte es nie wirklich wahrhaben, bis ich schließlich im Alter von 24 Jahren endlich Hilfe suchte. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits ziemlich verzweifelt und hoffnungslos. Ich dachte, dass eine Veränderung niemals möglich sein würde und die Therapie war so unfassbar harte Arbeit. Es hat lange gedauert, aber ich bin schließlich gesund und habe seitdem nie mehr zurückgeschaut. Mein Leben ist jetzt wunderbar – und ich hätte das nie für möglich gehalten.

Ich dachte die ganze Zeit nur noch über Essen und Kalorien nach. Meine Gedanken kreisten ununterbrochen schon während des Essens um die nächste anstehende Mahlzeiten, ich bekam zunehmend Panik. Ich versuchte immer mehr, bestimmte „schädliche/ungesunde“ Lebensmittel zu vermeiden, vor allem diejenigen die viel Fett oder Kohlenhydrate enthielten. Am Ende hatte ich nur noch „sichere“ Lebensmittel im Plan, von denen ich das Gefühl hatte, dass sie in Ordnung waren. Nudeln, Kartoffeln und Reis? Fehlanzeige. Am Ende habe ich nur noch einige wenige Gemüsesorten gegessen. Sobald ich Völlegefühl hatte, kamen die Schuldgefühle. Oft bin ich dann lange Spazieren gegangen oder habe Workouts gemacht, um dem wenigstens ein bisschen entgegenzuwirken. Irgendwann war mir aber klar, dass ich überhaupt keine Kontrolle mehr über all das hatte.

Einige der häufigsten Anzeichen von Anorexia nervosa sind:

Verhaltensauffälligkeiten

Oft sind Verhaltensänderungen vor Veränderungen des körperlichen Erscheinungsbildes bemerkbar. Zu den Zeichen gehören:

  • erhöhte Anspannung vor, während und nach den Mahlzeiten; Verschleierung gegessener Mahlzeiten oder Lebensmittel („ich habe doch schon gegessen“)
  • Vermeidung von Auseinandersetzungen über das eigene Gewicht
  • häufiges Wiegen
  • Kalorien in Lebensmitteln zählen
  • Einschränkung der Lebensmittelauswahl (Überfokussierung auf kalorienarme Lebensmittel) oder
  • das Bilden von Lebensmittel-Kategorien („gute“ vs. „schlechte Lebensmittel)
  • das Weglassen ganzer Mahlzeiten
  • vermeiden, mit anderen Menschen zu essen bzw. immer neue Ausreden für Absagen zu finden
  • Lebensmittel verstecken
  • Sehr langsam essen (nur die Löffelspitze benetzen), alles kleinschneiden, zerschmieren oder zerdrücken von Lebensmitteln
  • Einnahme von Appetitzüglern wie Schlankheitsmitteln oder Diätpillen
  • Obsessives und/oder rigides Verhalten bezogen auf Lebensmittel
  • erhöhte Reizbarkeit bzw. Kränkbarkeit (und nach Konflikten gesteigerte Schuldgefühle)
  • Übermäßiges Training – (und sich schuldig zu fühlen, wenn man sich nicht genug bewegt)
  • Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln („Purging“)
  • Sozialer Rückzug und Isolation
  • Tragen von weiter Baggy-Kleidung, um die Figur bzw. die Silhouette zu verbergen, aufgrund zu geringem Selbstbewusstsein, aus Scham oder um Gewichtsverlust weniger auffällig zu machen
Psychologische Anzeichen

Einige der häufigsten (psychischen) Anzeichen und Symptome von Anorexia nervosa sind:

  • Beschäftigung mit Figur, Gewicht und/oder Aussehen
  • Intensive Angst vor Gewichtszunahme
  • Beschäftigung mit Lebensmitteln oder lebensmittelbezogenen Verhaltensweisen (Abwiegen von Nahrung)
  • Negatives oder verzerrtes Körperbild: sich selbst als zu dick oder fett wahrzunehmen, trotz Untergewichts
  • Geringes Selbstwertgefühl (z.B. Schuld, Selbstkritik, Wertlosigkeit)
  • Starres und eingeengtes Denken („schwarz und weiß“, „gute und schlechte“ Lebensmittel)
  • permanentes Kontrollverlusterleben
  • Stimmungsschwankungen
  • Angst oder Depression (in erhöhtem Ausmaß als Komorbidität)
  • gesteigerte Anspannung vor, während und nach den Essenszeiten
  • Erhöhte Sensibilität und Reizbarkeit hinsichtlich Kommentaren oder Rückmeldungen zu Figur, Gewicht, Aussehen, Ess- oder Bewegungsgewohnheiten
  • Selbstmordgedanken oder selbstverletzende Verhaltensweisen
  • Konstante oder sich wiederholende Diäten, restriktive oder starre Essgewohnheiten
  • Übermäßiges und/oder zwanghaftes Training
  • Änderungen im Kleidungsstil (zu weite Kleidung, um den Gewichtsverlust zu kaschieren, Vernebeln der Silhouette)
  • Überbetonung von und/oder Verschlechterung der Schul- oder Arbeitsleistung
  • Obsessive Rituale rund um das Essen (immer zu den selben Zeiten essen, rigide Abläufe usw.)
  • Veränderungen der Essenspräferenzen, Einschränkung der Lebensmittelauswahl
  • Häufiges Vermeiden von Mahlzeiten, Ausreden zum Nichtessen
  • Sozialer Rückzug oder Vermeidung sozialer Situationen (insbesondere die in Bezug zum Essen stehen, wie z.B. gemeinsames Grillen)
  • Repetitives oder obsessives Body-Checking-Verhalten
  • Irreführendes oder geheimnisvolles Verhalten rund um Lebensmittel
Körperliche Anzeichen

Anorexia nervosa kann Körper und Geist auf vielfältige Weise beeinflussen:

Gehirn: Beschäftigung mit Nahrung / Kalorien, Angst vor Gewichtszunahme, Kopfschmerzen, Ohnmacht, Schwindel, Stimmungsschwankungen, Angstzuständen, Depressionen

Haare und Haut: trockene Haut, brüchige Nägel, dünnes Haar, leichte Prellungen, gelber Teint, Wachstum von dünnem weißem Haar am ganzen Körper (Lanugo-Behaarung), Unverträglichkeit gegenüber Kälte (gesteigertes Frieren)

Herz und Blut: schlechte Durchblutung, unregelmäßiger oder langsamer Herzschlag, sehr niedriger Blutdruck, Herzstillstand, Herzinsuffizienz, niedrige Eisenwerte (Anämie)

Darm: Verstopfung, Durchfall, Blähungen, Bauchschmerzen

Hormone: unregelmäßige oder fehlende Perioden, Verlust der Libido, Unfruchtbarkeit

Nieren: Dehydratation, Nierenversagen

Knochen und Muskeln: Verlust von Knochencalcium (Osteopenie), Osteoporose, Muskelabbau, Schwäche, Müdigkeit

Langfristige Auswirkungen

Wie jede Essstörung kann Anorexie langfristige körperliche Auswirkungen haben, von denen einige dauerhaft sein können, einschließlich:

  • Verlust der Knochendichte (Osteoporose)
  • Erosion des Zahnschmelzes
  • Schwierigkeiten bei der Empfängnis, Unfruchtbarkeit
  • Herzprobleme
  • Schädigung anderer Organe wie Nieren, Darm und Leber
  • Geschwächtes Immunsystem
  • Verzögerter Beginn der Pubertät oder verkümmertes Wachstum bei Kindern und Jugendlichen

Am schlimmsten ist, dass Anorexie tödlich sein kann, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird. Viele körperliche Auswirkungen der Anorexie sind jedoch reversibel oder können vor einer Verschlechterung bewahrt werden, und Essstörungen sind behandelbar, wobei eine vollständige Genesung möglich ist.

Genesung und Behandlung

Es ist möglich, sich von einer Anorexia nervosa zu erholen, auch wenn du vielleicht schon seit vielen Jahren mit der Krankheit leben musst.

Der erste Schritt zur Genesung besteht (immer) darin, um Hilfe zu bitten bzw. aktiv Unterstützung einzufordern – selbst wenn du es schon versucht, aber keinen ausreichenden Erfolg damit hattest. Mit dem richtigen Team, dass dich unterstützt, und einem hohen Maß an Engagement und Veränderungsbereitschaft kannst du dich von deiner Essstörungserkrankung erholen.

Anorexie ist eine unglaublich ernste psychische Erkrankung und hat die höchste Sterblichkeitsrate aller psychiatrischen Erkrankungen (aktuelle Studien gehen nach wie vor von bis zu 20% aus!). Extreme Nahrungseinschränkungen können zu Hunger, Unterernährung, schwerer psychischer Belastung und Suizidalität führen. Eine vollständige Genesung von Anorexie ist jedoch möglich.

Die Behandlung kann die Zusammenarbeit mit einer Reihe von Angehörigen der Gesundheitsberufe, wie einem Psychologen und einem Ernährungsberater, umfassen. Mehr über evidenzbasierte Behandlungsansätze erfahren Sie hier.

Vergiss nicht, dass eine Genesung neben professioneller ärztlicher und therapeutischer Hilfe auch kontinuierliches Lernen, Selbsthilfe und Zusammenarbeit mit der Familie und Angehörigen beinhaltet.

Atypische Anorexia nervosa

„Atypische“ Anorexia nervosa bezieht sich auf diejenigen Betroffenen, die nicht alle diagnostischen Standardkriterien für Anorexia nervosa erfüllen (mit Ausnahme des Untergewichts).

Personen mit atypischer Anorexia nervosa weisen auch eine Gewichtsabnahme aus, diese fällt typischerweise aber geringer aus (hinsichtlich Ausmaß und „Geschwindigkeit“ der Abnahme).

Viele Behandler (ich auch) kritisieren den Begriff „atypisch“ als irreführend und eher gefährlich, da er implizieren kann, dass der Verlauf weniger gefährlich bzw. „nicht so schlimm“ sei. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die atypische Anorexia nervosa um ein vielfaches häufiger vorkommt als die „typische“ Anorexia nervosa. Menschen mit atypischer Anorexia nervosa zeigen genauso häufig besorgniserregende Symptome wie eine niedrige Herzfrequenz und bei Frauen den Verlust der Menstruation. Aufgrund des Stigmas um die Gewichtszunahme und eine „normalgewichtige weibliche Figur“ (gegenüber den überbetonten Schlankheitsidealen) werden viele Menschen mit atypischer Anorexia nervosa nicht oder nicht ausreichend unterstützt oder ermutigt, ihr ursprüngliches gesundes Gewicht wiederherzustellen. Dies kann zu höheren Rückfallraten oder nur unzureichender bzw. nur teilweiser Genesung führen (was die hohe Chronifizierungsrate miterklären kann).

Die Gewichtsrestitution (unabhängig vom Ausgangspunkt) ist der mit Abstand wichtigste Prädiktor für die langfristige Genesung bei Anorexia nervosa.

Wenn du der Meinung bist, dass du oder jemand, der dir wichtig ist, an einer typischen oder atypischen Anorexia nervosa leidet, ist es wichtig, so schnell wie möglich Hilfe zu suchen. Trotz einer erfolgreichen Behandlung kann es zu Rückfällen kommen. Die Nachsorge  oder begleitende Unterstützung bei einer laufenden Behandlung ist wichtig. Falls du Beratung zu dem Thema wünschst, kannst du hier einen Termin anfragen:

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