Kernbotschaft über das Fühlen

Mann sitzt auf Couch und spricht mit Therapeut
(Junge) Menschen, die ein gestörtes Essverhalten zeigen, haben häufig Probleme, mit emotinoalen, persönlichen oder sozialen Situationen umzugehen bzw. Schwierigkeiten angemessen zu kommunizieren.
Mann sitzt auf Couch und spricht mit Therapeut
Die Ess- und Körperbildprobleme der Betroffenen entwickeln sich zunächst oft nur schleichend und sind daher von Angehörigen und Eltern nur schwer als problematisch oder krankhaft zu erkennen.
Mann sitzt auf Couch und spricht mit Therapeut
Sozialer Rückzug oder gar Isolation ist für (junge) Menschen nicht normal. Angehörige und Eltern sollten dies nicht einfach als „eine vorrübergehende Phase“ einordnen.

Häufig gestellte Fragen

Mann mit geistiger Störung, Krankheit, Beeinträchtigung, psychiatrischen oder psychologischen Problemen
Beziehungen und die soziale Gemeinschaft (peer group)

Betroffene mit einer Essstörungserkrankung, reduzieren häufig die Zeit, die sie (ansonsten typischerweise) mit ihren Freunden verbringen. Sie ziehen sich zunehmend aus sozialen Situationen zurück. Essstörungen sind teilweise ein dysfunktionaler Bewältigungsversuch, mit als schwierig eingeschätzten sozialen Situationen fertig zu werden. Betroffene erleben sich oft eingeschränkt in ihrer Fähigkeit (im Vergleich zu Gleichaltrigen), Emotionen zu erkennen und auszudrücken, was es für sie schwierig macht, mit anderen zu interagieren und soziale Situationen angemessen einzuordnen.

So vermeiden Erkrankte, gemeinsame Zeit mit Freunden zu verbringen oder die Teilnahme an Familienfeiern und -zusammenkünften oder Feiern, da solche Situationen als schwieriger eingeschätzt werden, die Essstörungserkrankung „angemessen ausleben zu können“. Je nach Verschlechterung der Stimmung interessieren sich Betroffene möglicherweise auch weniger für Hobbys und soziale Aktivitäten. Dies kann (bestehende) Beziehungen zu Mitmenschen wesentlich beeinträchtigen und wichtige soziale Entwicklung, die in dieser Phase stattfindet, stören oder gar „einfrieren“, was oft unbewusstes Ziel der Essstörungserkrankung sein kann.

Schwankende Stimmung und extreme Emotionen

Junge Menschen mit Ess- und Körperbildproblemen haben oft Schwierigkeiten damit, starke Emotionen wie Schuld, Wut und Frustration zu regulieren und zu bewältigen. Ein (junger) Mensch, der starke Emotionen erlebt, kann für Außenstehende und/oder Bezugspersonen auf uncharakteristische Weise handeln. Angehörige und Eltern bemerken manchmal schwieriges und beunruhigendes Verhalten nicht direkt (z. Bsp. wegen des sozialen Rückzugs). Darüber hinaus kann Unterernährung einige bestehende Persönlichkeitsmerkmale wie Angst, Sensibilität, Impulsivität und obsessive/ zwanghafte und perfektionistische Tendenzen verschlimmern.

Intensive Emotionen können potenziell zu extrem beunruhigenden Situationen führen, in denen junge Menschen sich z. Bsp. absichtlich selbstbeschädigen (auch bekannt als Selbstverletzendes Verhalten SSV) oder suizidale Fantasien/ Selbstmordgedanken entwickeln. Angehörige und Eltern sollten in solchen Fällen immer sofort aktiv eingreifen und professionelle Hilfe aufsuchen, um mögliche Schäden für ihr Kind oder andere Familienmitglieder zu minimieren.

Angemessene Kommunikation gestalten lernen

Es kann schwierig sein, mit Betroffenen über ihre Ess- oder Körperbildprobleme zu sprechen, oft auch da Beobachter selbst unsicher sind und Konfrontationen oder Konflikte vermeiden wollen. Grundsätzlich ist eine ruhige, möglichst emotionsarme und dennoch mitfühlende, fürsorgliche und direkte Kommunikation hilfreich. Typischerweise reagieren Betroffene von Essstörungen im Allgemeinen nicht gut auf kritische, moralische oder emotional gefärbte Rückmeldungen und Ansprachen (und entwickeln stattdessen eher Schuldgefühle, die dann die Symptomatik tendenziell verstärken).

Wie soll ich auf Betroffene zugehen?

Versuch zunächst ein Gespräch „unter vier Augen“, um schamhaft besetzte emotionale Situationen für Betroffene „erträglicher“ zu gestalten. Vermeide es unbedingt, kritische Situationen im Beisein Dritter anzusprechen, da so etwas typischerweise nur zu aggressiver Abwehr führt. Versuche, „Ich“-Aussagen zu verwenden, die nicht anklagend sind, wie „Ich mache mir Sorgen um dich“, betone dabei vor allem deine Beobachtungen und versuche, Bewertungen zu vermeiden („wir haben festgestellt, dass du dich seit einigen Tagen viel mehr bewegst“).

Entwickle ein Verständnis dafür, dass jeder Widerstand gegen das Essen selbst, einer möglichen Behandlung oder der Gewichtszunahme im Allgemeinen eher durch Angst bestimmt ist und nicht durch „trotziges Verhalten“ oder den Wunsch, dir als Bezugsperson Ärger zu bereiten. Halte deine eigene Emotionalität (v.a. Wut und Verzweiflung) in Konflikten zurück und sieh dies nur als weiteren Hinweis auf die Notwendigkeit professioneller (und damit emotionsarmer) Unterstützung.

Dinge, die du im Kontakt vermeiden solltest

Damit sich Betroffene wirklich offenbaren können, empfiehlt es sich, Dinge zu vermeiden oder zu sagen, die dazu führen könnten, dass sich die angesprochene Person schämt oder schuldig fühlt.

Vermeide Deutungen und pseudo-therapeutische Einschätzungen, die oft zu Abwehr und kleinteiligen Diskussionen und Auseinandersetzungen führen würden. Greife nicht auf Verallgemeinerungen zurück, sondern werde so konkret wie nur möglich. Anstelle „du bist immer launisch“ lieber „ich möchte noch einmal über die Situation gestern nach dem Abendbrot sprechen, da erschienst du mir so sehr verärgert und wir wissen nicht wieso“.

Betone dein Recht auf Fürsorge und Wohlbefinden deines Schützlings. Lass dich nicht von vermeintlichen Zugeständnissen („ich mache jetzt alles anders“), Verweigerung, Tränen oder Wutanfällen davon abhalten, professionelle Hilfe einzufordern.

Lass dich nicht versehentlich aus Liebe zu deinem Kind dazu bringen, möglicherweise rigide Vorstellungen zur Ernährung oder Tagesabläufen zu unterstützen. Zum Beispiel solltest du dein Kind nicht entscheiden lassen, wie gekocht wird oder wann, was und wo die Familie essen wird, da dies das Krankheitsverständnis und die Behandlungseinsicht lediglich verschlechtert.

Solltest du professionelle Hilfe aufsuchen (Kinderärztin/ Kinderarzt) und den Eindruck gewinnen, nicht ernst genommen zu werden, hole dir rasch eine zweite Meinung ein (z. Bsp. auf das Störungsbild spezialisierte Fachleute) um sicher zu gehen, dass der Zustand deines Kindes nicht verharmlost oder unterschätzt wird.

Differenziertes Betrachten der Essstörungserkrankung

Es kann für Angehörige und Eltern hilfreich sein, das Ess- und Körperbildverhalten als etwas zu betrachten, dass „außerhalb“ ihres Kindes liegt (und nicht Teil des Wesens ist). Dabei geht es vor allem darum, die eigene Emotionalität besser in den Griff zu bekommen, und die eigene Verzweiflung, Hilflosigkeit und Überforderung mit dem Störungsbild nicht dem Kind selbst zuzuschreiben. Dies verringert die Wahrscheinlichkeit von moralischen Vorwürfen oder Entwertungen, die dazu führen, dass sich die Betroffenen zusätzlich schuldig fühlen, was dann das bestehende geringe Selbstwertgefühl, schlechte Stimmung und Ängste weiter verstärken kann.

Zum Beispiel kannst du zu deinem Kind sagen: „Ich bemerke, dass bei dir etwas los zu sein scheint und es dir zur Zeit wirklich schwer fällt zu essen. Kann ich irgendetwas für dich tun, um es dir leichter zu machen?“. Mach dir bewusst, dass auffällige und zum Teil „anstrengende“ Verhaltensweisen mit der Esskontrollstörung zu tun haben und nicht weil dein Kind „anstrengend“ oder „auffällig“ ist.

Ungewolltes / Unbewusstes Fördern problematischer Denk- und Verhaltensweisen

Die Ess- und Körperbildprobleme der Betroffenen entwickeln sich zunächst oft nur schleichend und sind daher von Angehörigen und Eltern nur schwer als problematisch oder krankhaft zu erkennen. Vor diesem Hintergrund ändern sich manchmal Familienroutinen oder der Familienalltag ganz unbewusst, um den „neuen“ Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, die gerade eine Essstörungserkrankung entwickeln (Essenszeiten verändern sich, Ernährungs- und Kostform wird umgestellt, Bewegung und körperliche Aktivität wird mehr usw.).

So tendieren Eltern dazu, für ihre Kinder spezielle Wunschgerichte zuzubereiten, in der Hoffnung, dass dann „alles gegessen“ wird oder Zugeständnisse zu machen, zu denen sie normalerweise nicht bereit wären (z. Bsp. Fahrradfahren zur Schule bei jedem Wetter). Problematische Verhaltensweisen müssen erst bewusst gemacht werden, bevor sie direkt angesprochen und konfrontiert bzw. verändert werden können!

Gezieltes Handeln ist gefragt (v.a. für Angehörige)

  • Wie du mit deinem Kind kommunizierst, ist es wichtig ruhig, mitfühlend, fürsorglich und konsequent zu sein, denn das erhöht die Chance darauf, dein Kind zu Verhaltensveränderungen zu motivieren.
  • Unterstütze und ermutige dein Kind, eigene Vorstellungen über Werte und Normen (i.S. einer eigenen Identität) zu entwickeln. Fördere und motiviere es zur Teilnahme an altersgemäßen (sozialen) Aktivitäten und Hobbies aber bedränge es nicht dazu
  • erleichtere deinem Kind auch den Zugang dazu (Bringen und Abholen zu Freunden oder Vereinen) anstelle ihm/ihr Vorwürfe zu machen
  • Entwickle ein Bewusstsein über die alltäglichen Routinen innerhalb der eigenen Familie und ändere diese gegebenenfalls wieder: insbesondere, wenn diese gestörtes Ess- und/ oder Bewegungsverhalten fördern.
Illustration eines Gehirns

Weitere Informationen (Videos und Downloads) im Mitgliederbereich

Zum Mitgliederbereich